Außer Rand und Band: Deichkind in der Stadthalle

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Pop-Karneval: Wenn Pumuckl auf LSD wäre und sich mit Müllsäcken als Darth Vader verkleiden würde, sähe er wahrscheinlich so aus wie Sebastian „Porky“ Dürre oder Ferris MC am Sonntag in der Kasseler Stadthalle.

Kassel. Schon auf dem Weg in die Kasseler Stadthalle konnte jeder lesen, dass der Auftritt von Deichkind kein normales Konzert werden würde. Am Treppenaufgang hatte die Hamburger Band einen Zettel angebracht.

„UIUIUIUIUI“ stand darauf sowie die Warnung, dass es laut würde und Daunenfedern zum Einsatz kämen. Aus Vorsicht solle man sich Stöpsel in die Ohren und Toilettenpapier in die Nase stecken. So könne man „in der allerherzlichsten Art und Weise außer Rand und Band geraten“.

Es fehlte nur noch der Packungshinweis, dass man zu Risiken und Nebenwirkungen den Apotheker fragen solle. Mehr als eineinhalb Stunden später waren für die 2000 Fans alle Fragen beantwortet. Sie hatten gerade die Konzert-Party des Jahres erlebt und waren sich einig: Deichkind macht süchtig – und man weiß nicht einmal genau warum.

Da sind zum einen die Kostüme. Die sechs Männer sehen aus, als hätte sich Pumuckl auf LSD mit Müllsäcken und Neonbändern als Darth Vader verkleiden wollen. Da ist die von DJ Phono alias Henning Besser choreografierte Show, die wie eine Mischung aus DDR-Fernsehballett und Lady Gaga daherkommt. Da ist der krachwummige Electropunk, den man allein nicht länger als eine halbe Stunde aushält, der aber die geilste Partymucke ist. Und da sind die Texte, in denen Politsong und Ballermann eins werden wie in „Hört ihr die Signale“: „Kein Mensch ist illegal, schon gar nicht wenn er breit ist.“

Deichkind vereint die wichtigsten Jugendbewegungen HipHop, Techno und Punk, was man auch im Publikum sieht. Gleich zu Beginn bouncen die Fans zum Song „99 Bierkanister“ mit ihren Händen. Ansonsten wird bis zum Limit getanzt wie bei einem Rave. Und bei den wildesten unter all den wilden Songs gibt es Pogo.

Die Musik kommt vom Band. Der Star ist hier die Show. Nach jedem Song werden die 22 Bühnenelemente anders angeordnet, und die Sänger verkleiden sich neu, zeigen ihre Bierbäuche oder ihre blanken Hintern und surfen im Schlauchboot über die wogende Menge. Zur Anti-Ego-Hymne „Egolution“ lässt sich Ferris MC wie ein König auf einer zur Sänfte umgebauten Solariumbank tragen, ehe er ruft: „Nur ich! Nur ich! Nur ich!“

Würde Deichkind mit Hits wie „Leider geil“ und „Arbeit nervt“ bei der Bundestagswahl antreten, gäbe es im Parlament wohl bald eine Fraktion mehr. Der Zettel im Treppenhaus klang schon nach Parteiprogramm. „Wenn jeder auf den Nächsten Rücksicht nimmt und ihn so sein lässt, wie er sein möchte, wenn man dem Anderen mit einem Idealmaß an Güte und Strenge begegnet, könnte das schon eine Vorübung für eine kommende, bessere Gesellschaftsform sein.“ Falls manchem Leser das hier nicht wie eine normale Konzertkritik erscheint, liegt das an Deichkind: Der Rezensent ist immer noch etwas durcheinander nach dieser geilen Show.

Von Matthias Lohr

Fotos: Deichkind in der Kasseler Stadthalle

Deichkind in der Kasseler Stadthalle

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