„Wagner 2013. Künstlerpositionen“ in der Hauptstadt

Ausstellung in Berlin: Bunter Reigen statt Wagner-Feier

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Er setzt sich immer selbst in Szene: Jonathan Meese, „Keine Gurus“ (Öl und Acryl auf Leinwand, 2011), im Original 2,10 mal 2,80 Meter groß.

Berlin. Nun ruht er bereits seit 1883 in Frieden, doch seine Kompositionen lassen keinen Opernfreund kalt. Der Musiker Wagner sei entscheidend, „nicht der vermeintliche Maler oder Bühnenarchitekt oder auch der Regisseur“, befand einst Ernst Bloch.

Denn die Musik lasse die Handlung nicht nur „doppelt stark“ geschehen, sondern setze sie erst „und das Sichtbare folgt nach“. Der Philosoph konnte noch nicht ahnen, was Wagner heute auf der Bühne für Blüten treibt.

Das ist auch ein kleines Problem, vor dem die Ausstellung „Wagner 2013. Künstlerpositionen“ in der Berliner Akademie der Künste steht. Es geht in diesem bunten Meinungsreigen weniger um die Musik als um ihre wortreiche Auslegung.

Der visuelle Aspekt ist in der Ausstellung in Ausschnitten aus vielfältigen Inszenierungskonzepten präsent. Doch der Besucher hört nicht das gesamte Werk wie im Opernhaus und sieht nur einen Teil der Interpretation, etwa ein Wandteil aus „Tristan und Isolde“. Musikschnipsel tönen in der reichhaltigen Schau etwa aus der Medien-Installation von fettFilm, die beleuchtet, für welche Filme der Walkürenritt oder das Lohengrinvorspiel schon als Hintergrundberieselung herhalten durfte. Zu den bekanntesten zählen Charlie Chaplins „Der große Diktator“ und Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Auch der Trauermarsch nach Siegfrieds Tod in der „Götterdämmerung“ erfreut sich großer Beliebtheit zur dramatischen Untermalung.

Wagner ist Kult und das nicht nur in Bayreuth. Zum Jubeljahr seines 200. Geburtstages am 22. Mai wird es dort keine historisch-kritische Ausstellung geben. Sie könnte sich mit Fluch und Segen des Erbes befassen. Mit dem musikalischen Genie und dem widersprüchlichen Menschen, der 1850 „Das Judentum in der Musik“ schrieb. Dafür hat die Akademie in Berlin, der Wagner selbst ab 1869 angehörte, Mitglieder und andere eingeladen, ihr Verhältnis zu ihm zu erläutern. Er polarisiert. Für die einen bleibt er Antisemit, für die anderen ist seine Musik heilig.

Versammelt sind nun in drei Hallen unter anderem lange Interviews, die über Kopfhörer und TV-Bildschirme auf Geduldige - wohl vorwiegend Insider - warten. Man kommt vorbei am Modell aus dem Atelier van Lieshout zur verunglückten „Tannhäuser“-Inszenierung durch Sebastian Baumgarten, an Ratten-Kostümen Reinhard von der Tannens aus dem Bayreuther „Lohengrin“. Hans Neuenfels raunt dazu Blitzgescheites.

Achim Freyer zeigt seine aktuelle Beschäftigung mit der „Nacht der Vernichtung, neble herbei“. Jonathan Meese, der 2016 den „Parsifal“ inszenieren soll und doch immer nur sich selbst in Szene setzt, hat an einer Wand seine Konterfeis ausgebreitet mit dem Gekritzel zu seinem Erzland „Diktatur der Kunst“. „Ich wollte immer schon Hagen von Tronje sein“, ist da zu lesen über einem aufgeweckten Kinderbildnis des Künstlers.

Fundierte Beiträge von Hans-Jürgen Syberberg, Barrie Kosky und Romeo Castellucci runden der Rundgang ab. Er mündet in eine fulminante Raum-Installation von Christian Boltanski und Jean Kalman. „The Day After“ (2012) beendet die Kakophonie in den Hallen zuvor mit suggestiver Grabesatmosphäre zu Klaviertönen der „Elegie As-Dur (Porazzi-Fragment)“. Man steht vor einer schwarzen Wand in einem dunklen Raum, magisch angezogen durch einen Lichtstrahl. Am Ende erblickt man einen Flügel und ein Bataillon aus verlassenen Stuhlreihen - gähnende Menschenleere, über die sich Staub legt.

Bis 17. Februar, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. www.adk.de

Von Andrea Hilgenstock

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