Ausstellung: Bilder aus der Pathologie

Würde im Tod: Zwei Aufnahmen von Patrik Budenz aus der Serie „Post Mortem“, bei einem Bestatter (links) und im Krematorium. Fotos: Budenz/Museum

Das Sepulkralmuseum in Kassel zeigt Patrik Budenz' Fotos aus Rechtsmedizin, Krematorien und Bestattungshäusern - es sind Bilder, die unter die Haut gehen.

Kassel. Das Schwierigste, sagt Patrik Budenz, ist der Geruch. „Bei einzelnen Bildern habe ich den Geruch sofort wieder in der Nase.“ Der 43-Jährige hat in der Pathologie fotografiert. Fünf Tage waren geplant, fast vier Jahre sind es geworden.

Seine Serie „Hinter den Kulissen der Rechtsmedizin“ ist als Beitrag zum Kasseler Fotobookfestival ab Freitag im Museum für Sepulkralkultur zu sehen, ebenso seine Fotoreportage „Post mortem“, für die Budenz bei Bestattern und in Krematorien fotografiert hat.

Im jüngsten Münsteraner „Tatort“ war vorigen Sonntag die Rechtsmedizin zum Schluss wie zur Party dekoriert, der launig-unterhaltsame Pathologe Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) wollte sein Arbeitsfeld Kindern nahebringen. „Kein Krimi mehr ohne Pathologie“, sagt Gerold Eppler, der stellvertretende Museumsleiter. Die Zerrbilder und Klischees der TV-Krimis hätten ihn provoziert, sagt Budenz. Er wollte zeigen, wie es wirklich zugeht auf den Sektionstischen. Ohne auf Schock-effekte abzuzielen, aber auch ohne zu romantisieren oder zu überhöhen. Natürlich sei das Geschehen bei der Obduktion für Betrachter bestürzend, sagt Eppler: „Das Individuum wird aufgelöst, das Bild der Persönlichkeit zerfetzt.“

Es sind tatsächlich harte Bilder. Fotos, die an die Nieren gehen. Eppler weiß, dass sie „das Empfinden verletzen können“. Doch sie bilden die Realität ab, vermitteln die Atmosphäre der Rechtsmedizin ungeschönt, ohne Inszenierung. Darin liegt auch Respekt für die Spezialisten, die dort ihre Arbeit leisten und, so Eppler, „einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen“. Fachleute bei ihrem Tun: Man sieht, wie Körper zersägt, zerteilt, Organe entnommen werden. Schlimmer als das Handwerk fand Budenz aber die Tragik der Lebensgeschichten, die mitunter offenbar wurde.

Der 43-Jährige hat das dokumentarisch-distanzierende Schwarz-Weiß und kleine Formate gewählt. Sie sind, chronologisch bei den Fundorten der Leichen beginnend, dicht gehängt und brüllen einen nicht an, wie die Ausstellung überhaupt zwischen Intimität, Nähe und Distanz oszilliert.

„Der Tod ist eigentlich eine persönliche Angelegenheit“, sagt Eppler. Doch er wird immer mehr in Bereiche fern der Sphäre der Familie verdrängt, über die wir gar nicht so genau Bescheid wissen wollen. Wie das Sterben in Institutionen - Kliniken, Pflegeheime - delegiert worden ist. Bei Budenz ist der Tod etwas Wissenschaftlich-Technisches. Einige Aufnahmen der Autopsien erinnern an Forschungsinstitute. Manche Krematorien funktionieren wie Fabriken, vollautomatisch, mit Barcode am Sarg.

Und doch hält Budenz auch Momente voller Würde, voller Ruhe fest, wenn etwa Verstorbene sorgsam im Sarg aufgebahrt werden. Einmal halten Rechtsmediziner den Hinterkopf eines Toten, „es sieht wie eine Geburt aus“, findet er. Seine Bilder zeigen auch den Kreislauf des Lebens. Und dessen Zerbrechlichkeit.

Eröffnung am Freitag, 17 Uhr. Bis 28. Juni, Weinbergstraße 25-27. Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr. Mittwochs 18 Uhr Führungen. www.sepulkralmuseum.de Budenz’ Fotobücher sind im Museum erhältlich (28/36 Euro).

Zur Person

„Ich bin kein Fotograf, der Bilder für die Wand macht“, sagt Patrik Budenz (43). Der gebürtige Fuldaer, der als freier Fotograf in Berlin lebt und bevorzugt themenbezogen arbeitet, hat nach einem Wirtschaftsinformatik-Studium in Bamberg die Neue Schule für Fotografie in Berlin absolviert. Die Serie „Post Mortem“ wurde beim New York Photo Fest ausgezeichnet. Er nennt die Bilder „nüchtern - das bin ich auch. “

Fotobuchfestival

Das Festival mit Vorträgen, Workshops, Ausstellungen, einem Büchermarkt, Portfoliosichtungen, Partys und einer Preisverleihung findet bis 7. Juni in der documenta-Halle statt. Schwerpunkte sind Spanien und Portugal sowie Fotograf und Sammler Martin Parr.

Tageskarte: 9, Dauerkarte 18 Euro. Eröffnung: Donnerstag, 18 Uhr, Eintritt frei.

www.fotobookfestival.org

Von Mark-Christian von Busse

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