Ausstellung zum Forum Romanum: „Eine Gratwanderung“

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Einer der Höhepunkte der Ausstellung „Forum Romanum“: Prof. Dr. Rüdiger Splitter (links) und Volontär Dr. Philipp Baas mit einem Modell des Forum Romanum der Universität Erlangen. Foto: Zgoll

Am Sonntag ist Internationaler Museumstag - 1800 Institutionen bundesweit beteiligen sich mit Führungen, Aktionen und Kinderprogramm. Auch in Kassel gibt es derzeit außergewöhnliche Ausstellungen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Rüdiger Splitter, dem Leiter der Antikensammlung im Museum Schloss Wilhelmshöhe, über die Schau „Forum Romanum - Zeitreise durch 3000 Jahre Geschichte“.

Können Sie sich an Ihren ersten Rom-Besuch erinnern? Wie waren damals Ihre Eindrücke oder Empfindungen?

Prof. Dr. Rüdiger Splitter: Gute Frage. Das war 1990. Kurioserweise waren wir mit der Uni auf den Spuren der Etrusker unterwegs, gar nicht auf der der Römer. Aber am Forum konnten wir natürlich nicht vorbeilaufen. Da die Vorbereitung ganz auf die Etrusker konzentriert war, hatte ich nur einen Reiseführer dabei, wie jeder bessere Tourist. Das war mehr ein Spaziergang zwischen den Ruinen.

Da hätten Sie sich nicht vorstellen können, mal so eine detailreiche Ausstellung zum Forum zu machen.

Splitter: Da war das Museum als Beruf für mich noch gar nicht im Gespräch.

Für wen machen Sie eine solche Ausstellung? Welches Publikum haben Sie im Sinn? Wissenschaftler, Schüler, Rom-Touristen, die Kenntnisse auffrischen oder vertiefen wollen?

Splitter: Man möchte ja am liebsten alle ansprechen. Aber das ist enorm schwierig, ja fast unmöglich, weil die Voraussetzungen so unterschiedlich sind. Das ist also immer ein Kompromiss: vieles anzubieten und zu erreichen, dass jeder etwas entweder schon kennt oder sich für etwas begeistert. Das ist eine schwierige Gratwanderung. Die Schulklassen waren von Anfang an mitgeplant. Mir haben auch viele Lehrer geholfen.

Sie haben unterschiedliche Medien bis hin zur Hörstation...

Splitter: Das sind unsere Mittel, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die Exponate, die Grafiken oder Fotos, sind ja nicht gemacht für Schüler. Man muss sie zum Sprechen bringen, also flapsig gesagt etwas nachhelfen. Wenn die Objekte stark genug sind, sprechen sie aber fast von selbst.

Das ist sicher bei den Modellen der Fall.

Splitter: Ja - selbst wenn man nicht die Baugeschichte jeden einzelnen Tempels kennt. Die weiß ich auch nicht unbedingt auswendig. Man kann aber ein solches Modell genauso zum Ausgangspunkt einer Fachdiskussion machen. Experten können sich über die Rekonstruktion eines einzigen Giebels unterhalten.

Die Ausstellung erfordert viel Fantasie - man muss sich an einen anderen Ort, in unterschiedliche Epochen denken. Welche Mittel haben Sie als Kurator, um das zu erleichtern?

Splitter: Wir haben interaktive Stationen, die eine Hemmschwelle abbauen, wir haben die Inszenierung, die Gestaltung - jeder Raum möchte anders ansprechen. Die Zeitreise ist natürlich lang: 3000 Jahre. Um das selbständige Lesen aber kommen wir nicht drumherum. Auf geschriebenen Text kann man nicht verzichten.

Welche Reaktionen haben Sie?

Splitter: Im Besucherbuch gibt es viel Lob - das macht uns natürlich glücklich. Wir haben die Schulklassen erreicht, die Schüler kommen. Die Kollegen kommen aber auch - der Spagat scheint zu klappen. Was besonders schön ist: Es kommen Kinder, die ihre Eltern führen. Das ist natürlich ein Traum, wenn so eine Ausstellung die Generationen verbindet. Die Kinder werden los, was sie in der Schule gelernt haben.

Die Ausstellung hat einen Kasseler Bezug - es geht auch um die Antike-Begeisterung der Landgrafen. War das auch der Ausgangspunkt Ihrer Vorbereitungen?

Splitter: Das war die Keimzelle unserer Ausstellungsidee. Die Korkmodelle, die Landgraf Friedrich II. in Rom gekauft hat, sind ein Vermächtnis, das ich pflegen darf, weil sie in meiner Sammlung in Obhut sind. Da haben wir einen besonderen Schatz. So viele Modelle gibt es nur in Kassel und dann wieder in St. Petersburg. Das ist natürlich auch ein Auftrag. Deshalb haben wir die Ausstellung drumherum gebaut, um die acht Modelle des Forums einmal im räumlichen Zusammenhang zu präsentieren.

Über Jahrhunderte war die römische Antike ein Bezugspunkt der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte. Heute ist beispielsweise Latein viel weniger populär. Was können wir mit dem Blick in die Geschichte gewinnen? Was lernen wir etwa aus der Ausstellung?

Splitter: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Bei jedem Projekt möchte man über die Sachinformationen hinaus etwas vermitteln, diese Schallmauer durchbrechen. Hier ist es, das Geschichtsbewusstsein lebendig zu halten, Menschen, die heute mit Informationen überfrachtet sind, zu verdeutlichen: Das gibt es alles schon sehr lange, alles hat historische Wurzeln, Veränderungen passieren um uns herum. Wenn sich das mitteilt, sensibel zu werden für Veränderungen an einem bestimmten Ort, wäre das erfreulich. Dafür steht das Forum exemplarisch. Das ist aber nur ein Subtext, den wir nicht ausspielen.

Ein Ort, der Zentrum oder Fixpunkt der Welt war, wurde zur Viehweide und dann irgendwann wiederentdeckt.

Splitter: Das ist das Schlagwort dazu. Die Zeiten kommen und gehen. Aber wir sind ja keine Geschichtsphilosophen, die am ganz großen Rad drehen, sondern Archäologen, wir interessieren uns für die Fakten. Schüler stellen da oft die richtigen Fragen. Geschichtsbewusstsein spielt bei ihnen eine große Rolle. Später verliert sich das leider oft. Da wollen wir anknüpfen.

Nun kann man die Geschichte Roms erzählen über Triumphe und gewaltige Leistungen, in Rom gab es aber immer auch Gewalt und Schrecken - kommen die düsteren Seiten der Geschichte auch vor?

Splitter: Die stecken zwischen den Zeilen. Wir beschreiben natürlich kriegerische Auseinandersetzungen. Pius VI., der Papst, den Friedrich II. gesehen hat, wird von den Franzosen verschleppt. Bei den Ausgrabungen sind Strafgefangene im Einsatz. Aber das ist nicht unser Thema, leider. Es lenkt auch ab von den Fakten der Archäologie. Wir haben uns da manchmal gequält. Aber das wäre ein anderes Projekt. Und wir haben nur 250 Quadratmeter.

Was haben Sie persönlich Neues kennengelernt?

Splitter: Ich hab ein Faible für die Ausgrabungsgeschichte entwickelt, da konnte ich mich voll austoben. Dass für die Ausgrabungen ganze Kirchen gesprengt wurden, dass die Allee auf dem Forum aus Ulmen bestand - da gibt es viele Mosaiksteinchen, Details, die ich neu entdeckt habe. Und ich habe mehrere Exponate in den Kontext der landgräflichen Sammlung zurückbetten können. Das ist ein handfestes Forschungsergebnis.

Wie schwer ist es, nach einer solchen Ausstellung ein neues Ziel ins Auge zu fassen?

Splitter: Das war kurios. Ich hatte mit einer gewissen Leere nach der Eröffnung gerechnet. Aber ich war eher beflügelt und habe das Eisen weitergeschmiedet, solange es heiß war, und neue Projekte gesucht, um weitere Fragen zu lösen. Schlimmer ist die Ruhe vor dem Sturm, die 14 Tage vor der Eröffnung. Da war ich manchmal ungenießbar.

Auf welches Exponat sind Sie am meisten stolz?

Splitter: Als Kurator? Auf die ausstellungstypischen Kniffe, wir hatten einige gute Ideen. Und dass ich die Kasseler Sammlungsgegenstände neu zuweisen konnte.

Die Stadt Rom heute hat mit vielen Problemen zu kämpfen - vom unerträglichen Verkehr bis zu Müll und Kriminalität. Es fehlt auch das Geld, alle Kulturschätze zu erhalten. Können Sie einen Besuch auf dem Forum heute trotzdem genießen?

Splitter: Unbedingt. Da muss man schon mal schlucken, wenn man das Drumherum wahrnimmt. Wir konzentrieren uns dann auf die Fachfragen, können das aber nicht völlig ausblenden. Man neigt ja dazu zu denken: Es geht alles den Bach runter. Aber das zu glauben gab es schon immer. Jede Zeit sucht ihre Lösungen.

Zur Person

Prof. Dr. Rüdiger Splitter (46, geboren in Coburg), hat in Würzburg und Berlin Klassische Archäologie, Ägyptologie und Kunstgeschichte studiert. Er absolvierte ein Volontariat am Regionalmuseum Archäologischer Park in Xanten, arbeitete am Haus der Geschichte Bonn und ab 2001 in Kassel - zuerst als Pressesprecher und Projektmanager. Seit 2003 ist er als Kustos zuständig für die Antikensammlung der MHK. Er ist Honorarprofessor in Kassel.

Die Ausstellung läuft bis 27. Juli, Di-So/Feiertage 10-17, Mi bis 20 Uhr. Katalog: 14,95 Euro.

Veranstaltungen am Sonntag: 11 Uhr, Rotes Sofa: „Ausgrabung, Forschung, Rekonstruktion: Archäologie des Forum Romanum“mit Prof. Dr. Klaus Stefan Freyberger (Deutsches Archäologisches Institut, Rom), Dr. Martin Boss (Antikensammlung der Uni Erlangen-Nürnberg), 14.30 Uhr: Kinder erleben Geschichte. Waren die Römer spielsüchtig? (ab 8 Jahre, Anmeldung: Tel. 05 61/ 31680-123) 11 und 15 Uhr: Führungen. 16 Uhr: Warum gab es eigentlich Triumphbögen?

Von Mark-Christian von Busse

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