Museum für Sepulkralkultur

Ausstellung in Kassel: Die Schriftsteller und der Tod

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Am Grab der Grimms auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof Berlin: Dichter und Dissident Bei Dao, der nicht nach Peking zurückkehren kann: „Ich darf das Grab meines Vaters nicht besuchen.“

Kassel. Der Autor Tobias Wenzel hat mit riesigen Schwarz-Weiß-Fotos und Zitaten dokumentiert, was ihm Schriftsteller bei Spaziergängen zum Thema Tod erzählt haben. Diese Werke sind bis zum 4. Mai im Museum für Sepulkralkultur in Kassel zu sehen.

„Ich mag die Vorstellung: zwei Steine, Seite an Seite, in dieser Totenstadt.“ „Mir gefällt die Vorstellung einer Welt ohne Menschen.“ „Sehr oft sind mir die Toten viel näher als die Lebenden.“ „Ich mag keine Friedhöfe. Ich sehe lieber den Frauen auf den Arsch.“

Die Zitate, die wie Überschriften zu den Bildern von Tobias Wenzel im Museum für Sepulkralkultur hängen, machen sofort neugierig, ziehen einen an: Was hat es damit auf sich? Was steckt hinter den griffigen Aussagen wie diesen von Siri Hustvedt, Annie Proulx, Dzevad Karahasan und Pedro Juan Gutiérrez?

Wenzel, Autor und Kurator der aktuellen Ausstellung im Sepulkralmuseum, bringt damit auf den Punkt, was ihm Schriftsteller bei Spaziergängen auf Friedhöfen ihrer Wahl über ihr Verhältnis zu Sterben, Tod und Trauer erzählt haben. 72 solcher Gespräche hat er geführt, eine Auswahl von 39 ist als Buch erschienen, 28 werden nun im Kasseler Museum und ab Herbst in der Kunsthalle Rostock präsentiert.

Es sind riesige und wirklich spektakuläre Schwarz-Weiß-Fotos, die der freie Journalist und Literaturkritiker mit einer altertümlichen Plattenkamera während der 45- bis 90-minütigen Spaziergänge aufgenommen hat. Dazu hört man über ein tragbares Abspielgerät Wenzels beeindruckende Interviews, ob mit Cees Nooteboom, Donna Leon, Margaret Atwood oder Cornelia Funke.

Eineinhalb Stunden könnte man zuhören, „es ist aber nicht so gedacht, dass jeder alles hören muss“, sagt Museumsleiter Reiner Sörries. Man könne sich auch nur von den Bildern inspirieren lassen, etwa konstatieren, wie unterschiedlich Friedhöfe in aller Welt gestaltet sind. „Wir wollen nicht belehren“, sagt Sörries, „sondern Raum schaffen über das Nachdenken über Fragen, denen wir uns alle stellen müssen.“

Das eigene Verhältnis zu Sterben und Tod klären - dazu veranlasste Wenzel auch viele Schriftsteller. „Ich kam mir oft vor wie der Überbringer der schlechten Nachricht, dass auch sie sterblich sind“, erzählt Wenzel, der eher zufällig zu seinem Projekt kam, weil er für ein Radiointerview mit seinem Gesprächspartner aus einem lauten Café auf den angrenzenden stillen Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin floh. Mit manchen Autoren, etwa Michael Ondaatje, der zuerst euphorisch zugesagt hatte, hat Wenzel über Jahre vergeblich gerungen. Den Absagen hat er ein eigenes Kapitel gewidmet. Sie kamen etwa von Péter Esterházy, Herta Müller, Nadine Gordimer, Elfriede Jelinek, Javier Marías und Martin Walser.

Wenn er etwas mache, dann bis ins Extrem, sagt Wenzel. 70.000 Euro habe er in vier Jahren für das Projekt ausgegeben: „Ich habe 70 Stunden die Woche gearbeitet, um das zu finanzieren.“ Bis ihm seine beste Freundin das Signal gab, es reiche mit den Friedhöfen. Begeistert war er von Besuchen in Kolumbien. Dorthin will er bald für ein Jahr ziehen: „Die Menschen sind umwerfend nett, wenn sie einen nicht gerade überfallen und entführen.“

Die Ausstellung „Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht“ ist bis zum 4. Mai im Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25-27, Kassel, zu sehen. Öffnungszeiten: Di und Do-So 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr. Eintritt: 6/4 Euro. Infos: Tel. 0561/918930, www.sepulkralmuseum.de Das Buch von Tobias Wenzel ist im Knesebeck-Verlag erschienen (224 S., 29,95 Euro). Vorwort: Jussi Adler-Olsen.

Von Mark-Christian von Busse

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