Auf 30 Kasseler Plakatwänden

Ausstellung im öffentlichen Raum: Die vielen Bilder einer Stadt

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Eines von Paul Kuimets Motiven: Das vom Künstler fotografierte Wandbild von Urmas Mikk am zentralen Busbahnhof Tallinns stammt aus der Frühzeit der kommerziellen Werbegrafik Estlands. Es bewarb 1990 das Reiseunternehmen „Mootor“ (estnisch für Maschine). Jetzt hängt das Bild als Plakat stadteinwärts an der Kreuzung Frankfurter Straße/Heinrich-Heine-Straße.

Kassel. Projekt "Notes on Space": Der estnische Künstler Paul Kuimet zeigt bis zum 15. Februar 15 Motive aus Tallinn auf 30 Kasseler Plakatwänden.

Schwarz-Weiß-Aufnahmen, quadratisch und mit viel Weißraum, ohne jeden Text, dort, wo sonst bunte Bilder mit Werbebotschaft hängen: Die Fotografien des estnischen Künstlers Paul Kuimet bilden einen irritierenden Kontrast zu konventionellen Plakatwänden. 15 von ihnen sind bis zum 9. Februar auf 30 Werbeflächen in Kassel geklebt.

Auf einer Internetseite zum Projekt „Notes on Space“ haben die Initiatoren Eva-Maria Offermann und Jacob Birken einen interaktiven Stadtplan mit Wegbeschreibungen und Erläuterungen zu den Motiven, ihrem Entstehungsort und ihrer Geschichte angelegt. Offermann und Birken, die den 32-Jährigen nach Kassel geholt haben, sind Künstlerische Mitarbeiter an der Kunsthochschule: Sie im Studiengang Visuelle Kommunikation/Redaktionelles Gestalten, er in der Klasse „Kunst im zeitgenössischen Kontext“. Sie fanden vielfach Unterstützung, etwa bei den Firmen Boxan und Ströer.

Heimatstadt Tallin fotografiert

Faszination für Joseph Beuys: Paul Kuimet beim Gespräch auf dem „Roten Sofa“ in der Neuen Galerie.

Es ist ein durchaus faszinierendes Spiel, das Kuimet unternimmt. Es beruht in mehrfacher Weise auf dem Prinzip der Verdoppelung. Der Absolvent der estnischen Kunstakademie, der auch in Helsinki und London studierte, hat Bilder von Bildern gemacht: In seiner Heimatstadt Tallin hat er den gestalteten Stadtraum und öffentliche Gebäude fotografiert – riesige Wandgemälde, Mosaiken, aber auch Werbeflächen, die er jetzt in eine andere Stadt bringt, wo sie wiederum Elemente des Stadtraums werden, und zwar jeweils zweimal. Sobald der Katalog erscheint, wird es noch komplizierter: Dann kann man Bilder im Stadtraum von Bildern von Bildern im Stadtraum zu Hause anschauen, wie Offermann bei der Eröffnung sagte.

Leider war die Veranstaltung am Donnerstagabend in der Neuen Galerie wenig ergiebig. Der Geräuschpegel einer Führung mischte sich in die mäßige Akustik, die Organisatoren hatten auch nicht angekündigt, dass sie das Gespräch auf dem „Roten Sofa“ auf Englisch führen würden. Einige Besucher gingen früh.

Bilder laden zum Vergleich ein

Kuimets Bilder von einer Werft, Geflügel- und Lkw-Fabriken, Bibliotheken und Plattenbauten dokumentieren den Wandel der estnischen Metropole von der Sowjetzeit bis zur westlich geprägten Hauptstadt. Sie sind mehr als ein „Fenster in die Fremde“, wie es bei der Vernissage mit Recht hieß. Sie laden zum Vergleich mit Kassel ein, aber auch dazu, grundsätzlich über die Gestaltung von Städten nachzudenken. Nehmen wir wahr, welche und wie viele Bilder sie bieten – Werbung, Graffiti, Gemälde an Fassaden und Brandmauern, Skulpturen? Was sagen sie über unsere Gesellschaft, etwa unser Verständnis von Ästhetik? Welche Sehnsüchte, Versprechen oder Ideologien drücken sie aus? Können wir uns ihnen entziehen?

Kuimet, der seine Faszination für Joseph Beuys’ „7000 Eichen“ in Kassel deutlich machte, schafft ein Bewusstsein für unser Sehverhalten in der Stadt. „Wenn man einmal darauf achtet“, sagte Offermann, „lässt es einen gar nicht mehr los“.

www.notesonspace.de, www.paulkuimet.ee

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