Ausstellung: Regierungspräsidium für alle. Außer Investoren.

Initiative für ein Bürgerpräsidium: Jan Glöckner hat ein Video gedreht, in dem er seine Crowdfunding-Idee vorstellt. Fotos: Koch

Kassel. Zum 13. Mal stellen Studierende der Kunsthochschule im Regierungspräsidium aus - "Interventionen" heißt das Projekt. Und tatsächlich: Sie stören die Ordnung in der Behörde.

Manchmal funktioniert die Provokation durch Kunst ganz leicht. Im Foyer des Regierungspräsidiums (RP) steht ein Sockel, darin steckt ein Messer. Am Eingang, vor den Aufzügen. Einfach so. Als eine der künstlerischen „Interventionen“ in der gleichnamigen Ausstellung von Studierenden der Kunsthochschule.

Thomas Grob, der im fünften Semester Bildende Kunst studiert, nennt das Messer nach einem Begriff aus der Verhaltensforschung einen „aggressiven Hinweisreiz“. Er sieht es eher als Experiment denn als Kunst. Ein Versuch, der Wirkung zeigt. Über das Messer wird diskutiert, es irritiert Mitarbeiter und Besucher. Irritationen sind aber gewünscht in der wiederum von Melanie Vogel kuratierten Ausstellung.

Schon zum 13. Mal haben Mitarbeiter des Regierungspräsidiums junge Künstler, Grafiker und Produktdesigner zu „Interventionen“ eingeladen. „Die Diskussionen werden aber nicht weniger“, sagt RP-Sprecher und Organisator Michael Conrad, „die Toleranzschwelle sinkt eher“, manche Beschäftigte empfänden Kunst als Zumutung. Rektor Prof. Joel Baumann schätzt an der Ausstellungsreihe, dass sie auch in die Normalität der „behüteten Umgebung“ der Hochschule eingreife: Die Studierenden müssten in der Auseinandersetzung mit der Behörde ihre eigene Position finden.

Da gibt es wunderbare Zeichnungen von Wartenden auf die Kantinenmahlzeit (von Cornelia Manjak) oder ein eindrucksvolles, gewebtes Farbfeld: Ulrike Wilde hat den Ziffern von eins bis zehn je eine Farbe zugeordnet und bei der Zahl Pi die 1089 Stellen nach dem Komma in einen Teppich „übersetzt“. Katrin Pesch stellt 73 getrocknete Herkulesstauden in einen Flur - die sonst unkontrolliert wuchernden Pflanzen sehen hier filigran und hübsch aus. Die Basisklasse Produktdesign hat Vogelhäuschen entworfen, die Handschriften berühmter Designer und Architekten widerspiegeln.

Andere Arbeiten greifen noch unmittelbarer, direkter in Abläufe und Gewohnheiten im RP ein. Eine Auswahl:

Wald im Konferenzraum

Maryna Miliushchanka reißt die Gebäudegrenze ein, hebt die Trennung von Innen und Außen auf. Sie hat Äste, Zweige, Reisig in einem Besprechungsraum aufgeschichtet. Der Geruch ist betörend - die Natur (die ja Thema mancher Fachleute in den Büros ist) dringt in die Behörde ein.

Bilder von Intimität

Hände, die einander berühren, betasten, streicheln - im Durchgang zur Kantine schafft Ida Lorbach mit ihrem Video ein Gegenbild zur von Paragrafen und Vorschriften bestimmten Berufswelt. Sie zeigt genau das, was normalerweise draußen bleiben muss.

Bürgerpräsidium

2005 wurde das RP verkauft, das Land Hessen zahlt seither Miete, über eine Million Euro im Jahr. Eigentümer und Verwalter ist die Alfutura Grundstücks-Vermietungsgesellschaft mbH & Co. Objekte Hessen KG, die das RP in diesem Jahr wiederum selbst veräußern will. Jan Glöckner will es zum „Bürgerpräsidium“ machen („Ein Freiraum für alle. Außer Investoren“). Er hat bei der Crowdfunding-Plattform Indiegogo eine Kampagne begonnen und bei Facebook eine Unterstützergruppe gegründet, um symbolische drei Mio. Euro zu sammeln.

Präsenz auf den Gängen

Franz-Markus Kämmerer bietet sich als Praktikant an. Er sitzt im Flur auf der Chefetage und wartet darauf, dass man ihm Arbeit gibt. Silke Kleine Kalvelage hingegen wandert drei Tage lang in Zeitlupe durch die gesamten Gänge, um das Gebäude zu erkunden und das gewohnte Tempo zu entschleunigen. Auch das eine Irritation.

Architektur als Monument

Der Saal im RP ist ein Sarg - jedenfalls kommen Pablo Ehmer seine Maße so vor. Er macht die Architektur anschaulich, indem er die Draufsichten der Gebäudeteile in den korrekten Proportionen, aber als eine Art marmornes Monument abbildet. Allerdings ist das Material bloß aufgeklebte D-C-Fix-Folie.

Ein Abend für Halit Yozgat

Mit dem NSU-Terror setzt sich Fritz Laszlo Weber auseinander. Allerdings nicht im RP, weil das „als Stellungnahme zu einem laufenden Verfahren verstanden werden könnte“ - so die Begründung der Absage. Zu heikel, dieses Thema, vermutet der Student. Hier seien Grenzen der Toleranz erreicht. Sein „Abend über den Mord an Halit Yozgat“ - geschehen in Kassel - findet zur Finissage am 14.3., 19 Uhr, in der Kunsthochschule statt.

Bis 14. März, Mo-Do 9-17, Fr 9-14 Uhr.

Von Mark-Christian von Busse

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