Ausstellung "Kunst und Illusion": Spaß an der Täuschung

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„Ein Mann verrichtet seine Notdurft“: Zylinderspiegel-Anamorphose (also ein Bild, das nur aus bestimmtem Blickwinkel oder mittels speziellem Spiegel erkennbar ist) eines unbekannten Künstlers (um 1700-1750).

Kassel. „Kunst und Illusion": Eine faszinierende Ausstellung hat seit Freitag im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel geöffnet.

„Das Spiel mit dem Betrachter“ lautet der Untertitel der Ausstellung „Kunst und Illusion“ in der Gemäldegalerie Alte Meister. Es ist eine ebenso vergnügliche wie lehrreiche Schau. Wir nennen fünf Gründe, warum man sie unbedingt anschauen sollte.

Ein „Riefelbild“ von Gaspard Antoine de Bois-Clair: Das Doppelbild von 1692 zeigt, je nach Betrachtungswinkel, die Porträts von König Christian V. und Königin Charlotta Amalia von Dänemark und Norwegen

1. Weil die Täuschung auch heute noch Spaß macht. Gemälde in Grautönen, die Skulpturen nachahmen (Grisaille-Technik), Trompe-l’œil-Malerei, die fantastische Räume entwirft, ein Blatt auf einemHolzbrett, das sich als Malerei entpuppt, Nischen, wo keine sind, Jagdwaffen und Instrumente, nach denen man meint, greifen zu können, Glassplitter, die bloß gemalt sind - man lässt sich in dieser Ausstellung von vielen großartigen Exponaten sehr gern irritieren und begeistern.

Von Landgraf Friedrich II. fürs Audienzgemach im Schloss erworben: Das Gemälde von Marten Jozef Geeraerts – Kindergenien mit Attributen der Schifffahrt und des Handels (um 1780) – imitiert Steinreliefs.

2.  Weil man viel über Kunstgeschichte lernen kann. Zum Auftakt wird man in der Antike abgeholt, Mythen vom Wettstreit der Künste (Paragone) und von der Verlebendigung der Skulptur (Pygmalion) werden erläutert, die dann wieder in der Renaissance auf Interesse stießen. Illusion ist seit jeher eine Aufgabe der Kunst: Malerei gaukelt auf einer zweidimensionalen Fläche dreidimensionale Realität vor. Die Ausstellung zeigt, welche Mittel und Wege gefunden wurden, um etwa Perspektive vorzutäuschen. Nachahmung der Natur gelang perfekt in Stillleben von Früchten oder Blüten, „der Illusionsgattung parexcellence“, wie Volontärin Julia Carrasco sagt. Sie hat die Ausstellung mit Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister, eingerichtet. Anschaulich wird, mit welch subtilen Tricks mit Bildgrenzen gespielt wurde, wie effektvoll ein Raum im Raum wirken kann, wie Bildebenen entstehen, etwa bei Rembrandts „Heiliger Familie mit dem Vorhang“, wie Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit geschaffen werden.

3. Weil die Vielfalt an Imitation und Illusion verblüfft. Möbel, Steineinlegearbeiten, Porzellan, Tapeten, das Porträt Friedrichs II. aus Wachs, Buchattrappen aus der Löwenburg (die „selbst eine steingewordene Mittelalterillusion ist“, so Lange), niederländische Federmalerei, die Zeichnungen imitiert, Gemälde, die mit Wollstaub bestreut wurden, um den Eindruck eines Wandteppichs zu erzeugen - das Spektrum raffinierter optischer Täuschungen ist großartig. Die Ausstellung ist ein „Fest der Oberflächen und Materialität“, so Carrasco. Zu den erstaunlichsten Objekten zählt ein Scherenschnitt Williams III. von England, der einen Kupferstich nachahmt. Wer ihn geschaffen hat, kann nur vermutet werden.

Die Splitter sind nur gemalt: Francois-Xavier Vispre, „Le Concert. Trompe-l’œil mit Mezzotinto unter zerbrochenem Glas“ (um 1760).

4. Weil Werke aus dem Depot zu sehen sind. „Auch Herr oder Frau Unbekannt kommen zu Ehren“, sagt Lange. Der Kurator kann vieleszeigen, was in der Dauerausstellung nicht präsent ist, darunter echte Entdeckungen. „Wir haben die Verpflichtung, die Dinge zu bewahren. Und aus so umfangreichen Beständen schöpfen zu können, ist ein Gewinn.“ Im Spiegel der Sammelleidenschaft der Landgrafen erfährt man vieles über den Kasseler Hof - wenn etwa Friedrich II. als diplomatisches Geschenk einen Piranesi-Prachtband bekam.

5. Weil die MHK ihre reichen Schätze zeigen kann. Aus sieben Sammlungen der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) hat sich Lange bedienen können. Bis auf eine Grafik aus der Murhardschen Bibliothek in Kassel gibt es keine Leihgaben. Ein Anruf genügte, um etwa aus dem Astronomisch-Physikalischen Kabinett einen mechanischen Marienkäfer (um 1600), „etwas ganz Sensationelles“, zu bekommen - ein Vorteil der Fusion aus Staatlichen Museen und Schlösserverwaltung vor zehn Jahren. Zu diesem Jubiläum hat die MHK sich selbst und ihren Besuchern ein tolles Geschenk gemacht.

Service

Bis 30. Oktober, Museum Schloss Wilhelmshöhe, Schlosspark 1. Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr. Eintritt 6/4 Euro, bis 18 Jahre und Studenten der Uni Kassel frei. Besucherdienst: Tel. 0561/31680123. Führungen sonntags, 15 Uhr. Erste Abendgeschichte: 20.7., 18 Uhr, mit Justus Lange. Katalog im Imhof-Verlag. www.museum-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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