Künstler Cyprien Gaillard gewinnt den Preis der Neuen Nationalgalerie in Berlin

Auszeichnung unter Eizellen

Berlin. Über Kunst muss man auch mal stolpern. Oder man duckt sich weg oder verheddert sich drin. Insofern hätte die Verleihung des Preises der Neuen Nationalgalerie an keinem passenderen Ort stattfinden können als im Hamburger Bahnhof in Berlin. In der kathedralenhaften Halle saßen alle Besucher mitten in Thomas Saracenos Installation „Cloud Cities“ - schimmernde Riesenseifenblasen und Halteschnüre überall. Die Kunst war nicht nur in, sondern über und neben den Köpfen.

In dieser spektakulären Kulisse wurde am Mittwochabend der französische Künstler Cyprien Gaillard mit dem Preis für junge Kunst ausgezeichnet - der prestigeträchtigsten und mit 50 000 Euro Preisgeld lohnendsten Auszeichnung der jungen deutschen Kunstszene.

Der 31-Jährige, der 2009 im Kasseler Fridericianum ausstellte, war als Favorit gegenüber seinen Mitnominierten Klara Lidén, Kitty Kraus und Andro Wekua gehandelt worden. Doch die Urkunde von Biennale-Direktorin und Jury-Mitglied Bice Curiger nahm er fast schüchtern entgegen. Der schlaksige Mann mit der leisen Stimme, der gerade mit Preisen überschüttet wird, scheint nicht gemacht für die glamouröse Inszenierung. „So viele Auszeichnungen …“ sagte er, bevor er sich bedankte. Doch so unaufgeregt seine Erscheinung ist - seine Kunst ist nicht unbedingt bescheiden.

Mit seinem Irak-Film „Artefacts“, in dem er Bilder von babylonischen Ruinen und amerikanischen Soldaten montiert, hat die wuchtigste der nominierten Arbeiten gewonnen, die alle bis zum 8. Januar zu sehen sind. „Ein Film voll kraftvoller, betörender Bilder“, zitierte Bice Curiger aus der Begründung. „Ein fast hypnotisches Werk, das Fragen über den Verbleib der Kultur aufwirft.“

Dass die Plastikblasen im Hamburger Bahnhof an Eizellen erinnern, erwies sich als durchaus angemessen. Denn in Zusammenarbeit mit der Deutschen Filmakademie wurde eine neue Auszeichnung der Nationalgalerie geboren: der Preis für junge Filmkunst, der den Kontakt zwischen den noch fremdelnden Sparten bildende Kunst und Kino erleichtern soll. Iris Berben und Bruno Ganz überreichten die erste Anerkennung an Theo Solnik für seinen Film „Anna Pavlova lebt in Berlin“.

Der in Brasilien geborene Regisseur lässt eine junge Russin durchs Nachtleben der Hauptstadt und ihre eigene Dämonenwelt taumeln. Auch hier ist die Kunst, wie es alle Redner betonen, überall und besonders in Berlin und an diesem Abend. Da störte es niemanden, dass vor der Tür die Schlagerklänge vom benachbarten „Berliner Oktoberfest“ herangeweht wurden.

Von Saskia Trebing

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.