Autor Saehrendt: Museumsnacht ist ein Auslaufmodell

Christian Saehrendt

Christian Saehrendt, aus Kassel stammender Autor, löckt gern gegen den Stachel. In Büchern wie „Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst“ (mit Steen T. Kittl) wirft der Kunsthistoriker einen kritischen wie humorvollen Blick auf den Umgang mit Gegenwartskunst.

Auch die populären Museumsnächte - wie am kommenden Wochenende in Kassel - sieht der 44-Jährige mit Skepsis. Er beruft sich auf Befragungen in Museen in Zürich, Wien, Hannover und Frankfurt.

Herr Saehrendt, was haben Sie gegen Museumsnächte?

Christian Saehrendt: Aus Sicht der Kunstkonsumenten sind sie natürlich ein unschlagbares Angebot. In Kassel sind über 40 Museen und Institutionen beteiligt, und für neun Euro ist man dabei. Dafür bekommt man ein Riesenangebot an Lesungen, Musik und Ausstellungen.

Man darf auch noch Straßenbahn fahren mit dem Ticket.

Saehrendt: Ja, es ist Wahnsinn. Da kann ich allen nur sagen: Nutzt das, Leute. Das ist ein super Dumping-Angebot. Aber ich kenne natürlich auch die Innenperspektive der Museen. Viele machen da mit, zahlen aber einen hohen Preis dafür.

Und der liegt worin?

Saehrendt: Im hohen Aufwand an Sicherung und Bewachung, Personalkosten und Honoraren fürs Beiprogramm. Trotzdem sind Museumsnächte ein sagenhaft erfolgreiches Eventformat, ein Trend mit einer Eigendynamik, dem sich die Einrichtungen gar nicht entziehen können. Es gibt sie inzwischen in 120 europäischen Städten.

Was ist gegen Events einzuwenden?

Saehrendt: Das ursprüngliche Ziel wird nicht erreicht. Die Grundidee war: Wir sprengen das bildungsbürgerliche Ghetto und sprechen im Sinne eines demokratischen Kulturbegriffs jüngere, ältere, bildungsferne Menschen und Migranten an, die sonst nicht ins Museum gehen. Es hat sich aber gezeigt, dass gar kein nachhaltiger Zugewinn an Publikum erfolgt. Vor ein paar Jahren hat die Stuttgarter Staatsgalerie in der Museumsnacht Freikarten verteilt. Es ist danach keine einzige eingelöst worden. Die Staatsgalerie ist inzwischen aus der Stuttgarter Museumsnacht ausgestiegen. Ich glaube, das markiert eine Trendwende.

Inwiefern?

Saehrendt: Neue Besucherschichten kommen nicht oder jedenfalls nicht wieder. Der Aufwand ist sehr hoch. Und es ist auch die Frage, welche Art von Kunstbetrachtung den Besuchern nahegelegt wird. Mich stört diese All-you-can-eat-Büfett-Manier, möglichst viel für wenig Geld zu konsumieren. Die konzentrierte Betrachtung einzelner Kunstwerke oder von komplexen Ausstellungskonzepten ist in einer Museumsnacht gar nicht möglich. Da entsteht ein schiefes Bild. Ein Besucher, der merkt, es gibt hier Bratwürste, Prosecco und Musik...

... wird enttäuscht sein, wenn er wiederkommt.

Saehrendt: Ja, denn dann gibt es nur noch Kunst. Kunst ist aber anstrengend, darauf muss man sich einlassen wollen. Das ist nicht nur Fun und Gedröhn. Der Museumsnachtbesucher ist aber durch den Eventcharakter auf den Holzweg gelockt worden.

Muss die Hemmschwelle nicht niedrig sein, um kulturferne Besucher in die Museen zu locken?

Saehrendt: Ja, aber die Frage ist, ob man mit dieser Brot- und Spiele-Haltung wirklich interessierte Besucher bekommt. Die Aufforderung: Kommt dahin, wo die längste Schlange ist, wo es am lautesten ist, wo es die meisten Bratwürste gibt, ist aus Sicht der Künstler und Museumsleute kontraproduktiv.

Eigentlich plädieren Sie doch in Ihren Büchern gegen zu viel Achtung vor den Konventionen des Kunstbetriebs. Ihnen müsste doch recht sein, wenn ungewöhnliche Zugänge erprobt werden.

Saehrendt: Dieses Format der langen Nächte der Museen hatte auch seine Berechtigung, als es erfunden wurde. Aber es ist veraltet und hat sich überlebt. Ich würde den Kasselanern unbedingt raten: Geht unbedingt hin, man weiß nicht, ob es die letzte Museumsnacht ist. Es ist ein Auslaufmodell. Aber es wird immer größer: Als so eine Art Kirmes der Kulturinstitutionen, ein Zissel fürs Bildungsbürgertum. Jeder muss unbedingt einen eigenen Wagen haben, weil er sich sonst als altmodische, elitäre Institution zu erkennen gibt. Aber es ist nicht Sinn der Sache, so ein Format nicht mehr zu hinterfragen. Die Museumsnacht ist leider Teil einer überlauten, konturlosen Eventkultur geworden. Es gibt Museumsleute, die sagen, wir müssen diese Kröte schlucken, wir kommen so auf eine Besucherstatistik, die uns Freiraum für experimentelle Ausstellungen lässt.

Wie geht es denn anders? Was haben Sie für Ideen, Menschen in Museen zu locken?

Saehrendt: Das wird eher möglich sein über eine partizipative Art, künstlerische Projekte anzuleiern, also gezielt bestimmte Gruppen und Institutionen anzusprechen. Also in direkten Kooperationen mit Schulen, sozialen Initiativen, Jugendtreffs oder auch Seniorenzentren. Das ist nachhaltiger und intensiver, auch wenn man nicht die Masse erreicht. Das Geld, das in der Museumsnacht verbraucht wird, wäre sinnvoller etwa in Projekten mit Kindern und Jugendlichen angelegt, die mit Künstlern arbeiten. Man muss sich frei machen von quantifizierendem Denken. Erfolg bemisst sich in unserer Zeit leider in Mengen, also in Zahlenangaben von Eintrittskarten oder verzehrten Würsten..

Bei der Museumsnacht geht es auch ums Sehen und Gesehenwerden. Dienstagnachmittag, wenn ich in Ruhe Kunst anschaue, treffe ich niemanden.

Saehrendt: Ja klar, das ist ein Fest, ein Rummel. Deshalb sollte man sich in dem ganzen Zirkus nicht überfordern, sondern lieber etwas bewusst rauspicken, damit man etwas sinnvoll aufnehmen kann, und sonst durch die Nacht bummeln.

Sie sind neu im Vorstand des Kasseler Kunstvereins - was haben Sie sich auf die Fahnen geschrieben, um Besucher anzuziehen?

Saehrendt: Wir erarbeiten derzeit ein Konzept für neue Veranstaltungsformate. Erste Ergebnisse werden in der Museumsnacht zu sehen sein, wo meine Kollegen Andrea Schulze-Wilmert, Stefan Bast und Olaf Val Führungen für Jugendliche und interaktive Workshops in der aktuellen Ausstellung anbieten. Weiter wäre zu überlegen, wie sich das Potenzial der Kulturinteressierten in der Region besser ausschöpfen lässt, vor allem, wie wir die Zielgruppe von Studierenden besser erreichen können, die mit Kunst bislang wenig Kontakt hatten.

Nun machen Sie selbst eine Veranstaltung zur Museumsnacht, ist das nicht inkonsequent?

Saehrendt: Warum sollte sich das ausschließen? Wir liefern eine Gebrauchsanweisung für die Kunst, die sich an Besucher richtet, die wirklich selten oder gar zum ersten Mal ins Museum gehen. Sie ist gedacht als ein Appetithappen. Ich muss doch nicht schmollen und sagen: Bei der Museumsnacht mach ich nicht mit. Es geht darum, mitzugestalten, gleichzeitig aber kritisches Denken zu bewahren, sein Handeln immer zu überprüfen und nicht in falsche Euphorie zu verfallen und sich selbst zu beweihräuchern.

Zur Person

Der gebürtige Kasseler Christian Saehrendt (44) hat nach dem Abi in Hann. Münden in Hamburg Kunst studiert. In Heidelberg wurde er als Kunsthistoriker promoviert. Er ist Autor von Büchern wie „Ist das Kunst oder kann das weg?“. Als Vorstandsmitglied des Kasseler Kunstvereins erarbeitet er ein Konzept für neue Veranstaltungsformate. Saehrendt lebt am Thunersee (Schweiz).

Termin

„Die definitive Gebrauchsanweisung für moderne Kunst“, so nennt Christian Saehrendt seine Veranstaltung in der Museumsnacht gemeinsam mit der Kasseler Kunstpreisträgerin Ann Schomburg am Samstag, 19 und 21 Uhr, in der Neuen Galerie.

Von Mark-Christian von Busse

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