Autos sind von vorgestern: Ein Buch über die moderne Stadt

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200 Menschen in Autos, im Vergleich zu 200 Menschen auf Rädern (siehe unten im Artikel).

Jahrzehntelang wurden Städte für Autos gebaut statt für Menschen, sagt der dänische Architekt Jan Gehl. In einem tollen Buch entwirft er die menschlichere Stadt. Die Zukunft gehört dem Rad.

Die größte Sorge einiger Berliner ist es, dass ihre Großstadt zu einer Art Bullerbü wird. Im September wird in der Schöneberger Maaßenstraße eine verkehrsberuhigte „Begegnungszone“ eröffnet. Autofahrer dürfen hier nur noch 20 fahren und müssen sich die Fahrbahn mit Radlern teilen. Fußgänger werden gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer. Hier wird ein Platz zum Atmen geschaffen, wie ihn sich der dänische Architekt Jan Gehl wünscht, der seit einem halben Jahrhundert daran arbeitet, Städte menschlicher zu machen.

Die „Welt“ wütete jedoch gegen „schlafmütziges Postkutschentempo“, forderte mehr Tempo und Asphalt und riet all jenen, die dem Großstadtleben nicht gewachsen seien, „in die Lüneburger Heide auszuwandern“. Die Polemik klang stark nach den Kritikern, die einst gegen das Rauchverbot wetterten. Heute setzen sich nur noch Masochisten in verqualmte Kneipen.

Vielleicht wird es dem Autofahren in der Stadt so ergehen wie dem Rauchen in öffentlichen Räumen: Es wird verschwinden, weil es überholt ist. Diesen Schluss legt auch Gehl in seinem Standardwerk „Städte für Menschen“ nahe, das nun auf Deutsch erschienen ist.

Die größte Attraktion einer Stadt ist für den 78-Jährigen der Mensch. Orte werden als attraktiv empfunden, wenn „etwas los ist“ auf Straßen und Plätzen - und damit sind keine stinkenden Blechlawinen gemeint, die sich durch die Stadt schieben.

200 Menschen auf Fahrrädern - im Unterschied zu 200 Menschen in Autos (siehe Artikelbild)

Fakt ist, dass das Auto gerade in der City äußerst unpraktisch ist: Es ist zu langsam, es verbraucht immensen Raum, vergiftet das Klima und tötet Fußgänger sowie Radfahrer. Wer die Stadt lebendiger, sicherer, nachhaltiger und gesünder machen will, so Gehl, muss darum vor allem den nichtmotorisierten Verkehr fördern. In seinem Buch liefert er eindrucksvolle Grafiken, die zeigen, dass „langsamerer Verkehr Städte automatisch lebendiger“ macht, sowie viele Beispiele aus der Praxis - etwa aus Kopenhagen, wo 45 Prozent aller Fahrten mit dem Rad erledigt werden. In Deutschland sind es mickrige 15 Prozent.

Dabei kann man auch in einer hügeligen Stadt wie Kassel sehr gut Rad fahren. Selbst San Francisco mit seinen steilen Anstiegen hat eine große Velo-Gemeinschaft. Dort und auch in Kassel treffen sich Radler jeden letzten Freitag im Monat, um als Critical-Mass-Bewegung nebeneinander zu fahren. Die Anhänger der kritischen Masse werden immer mehr.

Trotzdem gab es an der Fulda einen Aufschrei, als der grüne Verkehrdezernent Christof Nolda darüber nachdachte, in einem Randbereich der Wilhelmshöher Allee eine von zwei Fahrspuren zu streichen und öfter Tempo 30 anzuordnen. Für Gehl ist das vernünftig, denn: „Es gibt nur eine Sache, die besser ist als langsame Autos - nämlich gar keine Autos.“

Jan Gehl: Städte für Menschen. Jovis-Verlag, 304 Seiten.

Wertung: fünf von fünf Sternen

Die Kasseler-Critical-Mass-Rundfahrt startet wieder am Freitag, 18 Uhr, vor dem Fridericianum auf dem Friedrichsplatz. www.criticalmass-kassel.de

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