Das Monumentalwerk ist der erste Band der revidierten Neuen Bach-Ausgabe des Bärenreiter-Verlags

Bachs h-Moll-Messe in Bestform

Wolfgang Thein

Kassel. Besser kann man Johann Sebastian Bachs (1685-1750) h-Moll-Messe nicht präsentieren. Davon ist Dr. Wolfgang Thein, Cheflektor des Kasseler Bärenreiter-Verlags, fest überzeugt. In edlem dunkelbraunem Leinen mit Silberdruck liegt die Partitur des Riesenwerks vor ihm.

Doch nicht der edle Einband macht den Verlagsmann so stolz, sondern der Inhalt der Partitur. Es handelt sich um den ersten Band der revidierten Neuen Bach-Ausgabe, und in diesen sind das gesamte Wissen der Forscher des Bach-Archivs Leipzig sowie das Know-how des Kasseler Bärenreiter-Verlags eingegangen.

Damit liegt eines der Hauptwerke der Kirchenmusik nun in einer Ausgabe vor, die in ihrer Originaltreue allein deshalb nicht mehr zu übertreffen sein wird, weil sich die Hauptquelle, Bachs Handschrift, inzwischen in einem „bedauernswerten Zustand“ befindet, so Thein.

Die h-Moll-Messe, die in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt wird, gehöre zu den am schlechtesten erhaltenen Autografen und habe in den vergangenen Jahrzehnten durch Tintenfraß weiter gelitten. Ein Vergleich mit einer Faksimile-Ausgabe von 1924 dokumentiert den Verfall.

Dennoch bedeutet die vom Leipziger Bachforscher Uwe Wolf herausgegebene revidierte Ausgabe einen großen Fortschritt gegenüber dem ursprünglichen Band der Neuen Bach-Ausgabe. Er war 1954 erschienen, und das Mammut-projekt, alle Werke Bachs nach bestem musikwissenschaftlichen Standard herauszugeben, stand damals noch am Beginn.

Nachdem das riesige Editionsprojekt mit 104 Notenbänden und 101 Kritischen Berichten im Jahr 2007 abgeschlossen wurde, begannen die Überlegungen, einzelne früh erschienene Bände im Licht neuer Erkenntnisse einer Revision zu unterziehen.

Auf 15 Bände ist die revidierte Edition der Neuen Bach-Ausgabe angelegt, pro Jahr soll ein Band erscheinen.

Die h-Moll-Messe ist in der revidierten Fassung kein anderes Werk geworden, doch sind nun zahlreiche Details der Stimmführung und Instrumentation geklärt. Dazu wurde umfangreiches Stimmenmaterial hinzugezogen, und bei beschädigten Stellen der Handschrift konnte mithilfe von Untersuchungsmethoden wie der Röntgenfluoreszenzanalyse Klarheit über Bachs ursprüngliche Absichten geschaffen werden.

Zwar galt die h-Moll-Messe seit ´Langem als eine der bedeutendsten Messvertonungen der Geschichte - der Schweizer Musikforscher Hans-Georg Nägeli nannte sie sogar „das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“.

Doch da die Teile der Messe zu verschiedenen Zeiten entstanden, gab es Zweifel, ob Bach selbst die Messe als geschlossenes Werk gesehen hat. Diese Frage, so Thein, kann jetzt eindeutig bejaht werden. Nun steht fest, dass Bach sich in seinen letzten Lebensjahren mit der Vervollständigung der Messe beschäftigt hat. Der Abschnitt „et incarnatus est“ im Credo-Teil gilt inzwischen als letzte Komposition von Bachs Hand, die erst nach der unvollendet gebliebenen „Kunst der Fuge“ entstand.

Die Partitur mit dem ausführlichen Vorwort zur Geschichte des Werks und dem Revisionsbericht am Schluss des Bandes ist eine Ausgabe, die sich an Profis wie auch an interessierte Laien richtet. Sie kann eine bisher nicht für möglich gehaltene Endgültigkeit beanspruchen und stellt, so die Worte von Wolfgang Thein, „eine Verbeugung vor dem Rang dieses Werks“ dar.

Ausgaben: Neben dem repräsentativen Leinenband für 280 Euro (Subskriptionspreis: 224 Euro) liegt die revidierte Edition von Bachs h-Moll-Messe BWV 232 auch als Dirigierpartitur (ca. 70 Euro) sowie als Taschenpartitur (18,50 Euro) vor. Außerdem gibt es einen Klavierauszug und Aufführungsmaterial. Alles erschienen beim Verlag Bärenreiter, Kassel.

Von Werner Fritsch

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