Es gibt noch Ticktes

Bad Hersfelder Festspiele: Musical „Titanic“ stürmisch gefeiert

Bühnenbild aus fahrbaren Gerüsten, die das Schiff darstellen: Blick in die Bad Hersfelder Stiftsruine in eine Ensembleszene von „Titanic“. Fotos: Landsiedel

Bad Hersfeld. Bei den Bad Hersfelder Festspielen in der Stiftsruine hatte das Musical „Titanic“ Premiere - und wurde stürmisch gefeiert. Eine Kritik von Bettina Fraschke.

Die letzte Flasche 1898er Champagner Cristal, die es an Bord noch gibt, serviert der Steward dem alten Ehepaar oben an der Reling, als die Titanic schon bedrohlich in Schieflage geraten ist und die beiden sich im Angesicht des Todes auf schwankendem Grund voneinander verabschieden – sich ihrer innigen Liebe vergewissernd. Warum nicht gerade jetzt eine schöne Flasche öffnen? Ein emotionaler Moment in einem Musicalabend, der viele bewegende und beeindruckende Akzente setzt.

Am Freitag wurde bei den Bad Hersfelder Festspielen in der ausverkauften Stiftsruine das Musical „Titanic“ mit tosendem Jubel gefeiert, noch vor dem Schlussakkord riss es die Zuschauer zum Applaudieren von den Sitzen. Stefan Huber inszenierte das Stück von Peter Stone und Maury Yeston als Bildmosaik menschlicher Hoffnung, Verantwortung und von Machbarkeitswahn. Dabei arbeitet er mit dem riesigen Ensemble aus rund 40 Darstellern sehr differenziert und souverän, schafft große Bildtableaus ebenso wie intime Zweierszenen. Es ist der Vorlage des Ensemblestücks geschuldet, dass es wenig Identifikationsmöglichkeiten gibt, da große Hauptrollen mit charakterlichen Entwicklungslinien fehlen.

Wie war’s? 

Opulent und perfekt inszeniert.

„Titanic“ erzählt von vielen Einzelschicksalen in erster, zweiter, dritter Passagierklasse, bei Mannschaft, Kapitän, Direktor und Konstrukteur. Kleine Szenen beleuchten mal diesen, mal jenen Konflikt. Hier begeistert das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter, das in variabel stellbaren Gerüsten vielfältige Raumsituationen erschaffen kann. Weit oben: Ein quer im Raum hängender Steg, der stets leicht schwankt, die Fahrt auf hoher See verdeutlicht und später bedrohlich schief hängt. Die Enge der billigen Kabinen, die Pracht im Luxusdeck (Kostüme: Susanne Hubrich), Heizraum, Kommandobrücke, Funkkabine: Die Gerüstbauten mit ihren steilen Leitern lassen sich toll verwandeln.

Streit auf der Kommandobrücke: Captain E. J. Smith (Michael Flöth, von links), Konstrukteur Thomas Andrews (Alen Hodzovic), 2. Offizier Charles Lihtoller (Jürgen Strohschein) und Direktor J. Bruce Ismay (Frank Winkels).

Ein Extralob geht an die Darsteller, die die schwierige Szenerie zur Premiere über weite Strecken im strömenden Regen bewältigt haben. Anfangs, als das Wunderschiff ausläuft, bilden die sieben Gerüste noch stolz die Buchstaben T-I-T-A-N-I-C. Als dann der Eisberg den Dampfer rammt, reißt die Front auseinander und gibt im fahlen Licht den Blick bis weit hinten in die Apsis der Stiftsruine frei. Ein Gänsehautmoment. Nur eine große Tanzszene steht für einen unbeschwerten Moment im krisenhaften Szenario (Choreografie: Melissa King).

Gesanglich seien beispielhaft Michael Flöth als Kapitän, David Arnsperger als Heizer, Merlin Fargel als Ausguck, Alen Hodzovic als Ingenieur, Frank Winkels als Direktor, Kristin Hölck als aufstiegsorientierte Alice Beane und Gabriela Ryffel als schwangere Dritte-Klasse-Passagierin Kate genannt. Großartig schwelgerisch und zugleich sehr transparent gestaltete Christoph Wohlleben mit seinem großen Orchester den süffigen Sound.

Zu den musikalischen Höhepunkten gehörte der Aufbruchssong „In Amerika“ über die Hoffnung auf einen Neuanfang der Dritte-Klasse-Passagiere, der wunderbar gefühlvolle „Der Heiratsantrag“ mit Heizer und Funker und der bedrückende „Die Schuldfrage“ in der Führungsriege an Deck. So wird das Stück auch zur Parabel auf unbeirrbares Festhalten an einer Idee, auch im Angesicht ihres Scheiterns. Wie nah ist eigentlich der Eisberg?

Das Stück läuft bis 20. August, Karten: 06621-640200.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.