Zwischen Biomarkt und Masernparty

Neuer Hit auf YouTube: Bärbel Stolz als „Prenzlschwäbin“

Die Prenzlschwäbin: Bärbel Stolz in einem ihrer Videos. Foto:  nh

Berlin. „Iss dei Dinkelstang!" herrscht Bärbel Stolz ihren Sohn an. Als Exil-Schwäbin in Berlin hat sie es nicht leicht. Davon berichtet die Schauspielerin auf YouTube.

Unsere Kinder sollen Vielfalt erleben. Deshalb haben wir drauf geachtet, dass es in der Kita auch Berliner Kinder gibt.“ Sagt Bärbel Stolz heftig schwäbelnd in einem ihrer witzigen Videoclips, die zum Youtube-Hit geworden sind. Bärbel Stolz ist die Stimme der schwäbischen Berliner aus dem Stadtteil Prenzlauer Berg. Unter dem Titel „Die Prenzlschwäbin“ landet sie auf Youtube Rekordklickzahlen – vor allem bei der Erfolgsfolge „Shit Prenzlschwaben say“, die in zwei Tagen 800 000-mal angeschaut wurde.

Eine große Fangemeinde freut sich über die schwäbische Selbstironie in den kurzen Alltagsszenen auf Markt, Bürgersteig oder Spielplatz. Und dass sie dem Hass, der in Berlin den als materiell erfolgreich geltenden Schwaben immer wieder entgegenschlägt – bis hin zu Parolen wie „Kauf nicht beim Schwaben“ – etwas entgegensetzt.

Aber es geht um mehr. Bärbel Stolz gibt dem Thema städtischer Wandel durch schicke Sanierung und Verdrängung der einkommensschwachen Schichten eine satirische Stimme. Prenzlauer Berg, das perfekt hergerichtete Bilderbuchquartier um den edlen Wochenmarkt am Kollwitzplatz ist heute der Stadtteil des modernen Biedermeier. Der Ort, wo die Gentrifizierung allgegenwärtig ist und wo sich süddeutsche Familien zwischen Biomarkt, Masernparty und Kinderyoga eine heile Welt aufbauen wollen.

Und wie sich das Leben dort anfühlt, treibt die 37-jährige Schauspielerin in ihren drei- bis vierminütigen Clips satirisch auf die Spitze: Das Kind muss sich zwischen Lavendel-Hibiskus- und Karamell-Fleur-de-Sel-Eis entscheiden. Man ist empört, wenn es im Café kein Kokosnusswasser gibt, verabredet sich auf ein Glas „Cremantle“, zahlt auf dem Markt acht Euro für hundert Gramm veganes Hack und für eine 30-Quadratmeter-Wohnung 1050 Euro Miete. Und fragt dauernd: „Isch des bio?“

Die Kinder, die angewiesen werden „net auf die Rutsche zu brunze“ (auf Hochdeutsch: urinieren) heißen Xenia-Adelheid oder Friedrich-Anthony, man findet, andere Stadtteile „gehen gar nicht“, weil doch der Prenzlberg so schön durchmischt ist: Hier sind Leute von Stuttgart, von Tübingen und Böblingen.

Die 37-jährige Schauspielerin stammt aus Esslingen und lebt seit 1996 in der Hauptstadt. Sie spielte unter anderem in „Türkisch für Anfänger“. Demnächst erscheint ihr erster Roman. Im Alltag spricht Bärbel Stolz keinen Dialekt mehr, nur wenn sie blöd angesprochen wird. In den Videoclips ist sie aber perfekt, wenn sie etwa den Sohn anherrscht „Iss dei Dinkelstang!“

Link:

Homepage von Bärbel Stolz

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