Festival zeigt alle 80 Filme Charlie Chaplins - Höhepunkt ist „Der große Diktator“ am Brandenburger Tor

Das Bärtchen erobert Berlin

Chaplin erobert das Brandenburger Tor: Unsere Montage zeigt Charlie Chaplin als Diktator Hynkel in einer Szene aus „Der große Diktator“ auf einer Leinwand an Berlins symbolträchtigstem Ort. Foto: dpa/ Montage: Köberich

Vor 80 Jahren jubelten Menschenmassen auf der Berliner Friedrichstraße einem kleinen Mann zu, der vom Bahnhof unterwegs zum Hotel Adlon war: Charlie Chaplin. Der Filmregisseur und Darsteller war schon 1931 weltberühmt. Neun Jahre später schuf er sein politischstes Werk: „Der große Diktator“, das das NS-Regime satirisch aufs Korn nahm. Und das während des Zweiten Weltkriegs.

Berlin erinnert jetzt mit einem großen Festival an den Film-Magier, es werden alle seine Werke gezeigt, viele davon mit Live-Orchesterbegleitung. Höhepunkt von „Chaplin Complete“ ist am Freitag eine Aufführung von „Der große Diktator“ am Brandenburger Tor. „Chaplin nimmt Berlin wieder für sich ein“, sagen die Veranstalter vom Kino Berlin-Babylon, dafür stehe der historische Ort. Und das Bärtchen symbolisiere in der deutschen Hauptstadt wieder den Leinwandkünstler, nicht mehr (nur) den Tyrannen.

? Worum geht es im Film „Der große Diktator“?

!Im Ghetto des fiktiven Staates Tomanien arbeitet ein jüdischer Friseur. Den Staat regiert der größen wahnsinnige Diktator Anton Hynkel, der die Juden vernichten will. Der Friseur kommt ins KZ, kann fliehen und wird wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Diktator verwechselt. Er nimmt die Rolle an und hält eine große Rede zum Weltfrieden.

? Was ist das Besondere an dem Werk?

!Chaplin spielt natürlich beide Rollen selbst. In seiner Satire geht er über die Kritik am NS-Regime hinaus, wendet sich gegen Diktatur und Militarismus allgemein. Unvergessen ist zum Beispiel die Szene, wo Hynkel von der Weltherrschaft träumt und mit einem Ballon spielt, der die Erde sein soll. Poetisch und gruselig zugleich.

? Wie kam der Film damals an?

!In den USA war der Film kurz vor Kriegseintritt umstritten, es gab den Vorwurf der Kriegstreiberei. Im Dritten Reich ist er nie öffentlich aufgeführt worden. Regisseur Volker Schlöndorff vergleicht heute „Der große Diktator“ mit Pablo Picassos Gemälde „Guernica“ - beides Kunstwerke, die zu Sinnbildern für die Grausamkeit des Faschismus geworden seien.

? Für welche Filme ist Chaplin sonst bekannt?

!Charles Chaplin (1889 - 1977) drehte achtzig Filme, die meisten Kurzfilme. Darin spielte er häufig seine bekannteste Figur, „The Tramp“, den Vagabunden mit Bärtchen, Stock, Melone und den nach außen gedrehten Füßen. An dieser Figur und ihren slapstickhaften Einlagen erkennt man noch die Herkunft des Mediums Films aus dem Unterhaltungstheater. Nach der Stummfilmzeit (Chaplin wechselte erst spät zum Tonfilm, „Der große Diktator“ war sein erster) entstanden Meisterwerke wie „The Kid“, Lichter der Großstadt“, „Moderne Zeiten“ oder „Goldrausch“.

? Was charakterisiert Chaplins Filmschaffen?

!Nicht nur ist Chaplin schon im Umgang mit dem eigenen Körper unübertroffen komisch. Sein Blick auf den Menschen in seiner materiellen Not und seelischen Verzweiflung ist auch zutiefst anrührend. Wenn etwa der Tramp in „The Kid“ (1921) ein Kind zu sich nimmt und in ärmlichsten Verhältnissen in einer Dachwohnung lebt: Ziehvater und Kind sind glücklich - bis die Behörden das Gespann auseinanderreißen. Oder wenn er in „Moderne Zeiten“ als Versuchsobjekt für eine Fütter-Maschine eingespannt wird - und sich dem grausamen Takt des maschinellen Suppelöffelns unterordnen muss. Chaplinfilme - das heißt Lachen und Weinen zugleich.

?Was findet bei diesem Festival sonst statt?

!An 24 Tagen (bis 7.8.) werden alle 80 Filme Chaplins im Stummfilm-spezialisierten Kino Babylon Berlin (Rosa-Luxemburg-Straße 30) gezeigt. Die zehn großen Klassiker werden live vom Neuen Kammerorchester Potsdam begleitet. Die Aufführung von „Der große Diktator“ am Freitag, 22 Uhr, vor dem Brandenburger Tor ist kostenlos und unbestuhlt. Der Fernsehsender RBB überträgt live.

Von Bettina Fraschke

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