Die documenta-Künstlergruppe And And And lud in die Kunsthochschule ein

Die Bäume rufen uns

Ideen sammeln und aufgreifen: Ayreen und Rene von And And And. Fotos: von Busse

Kassel. Worauf das alles genau hinausläuft, bleibt auch nach dreieinhalb Stunden unklar. Soll es auch. Die Versammlung habe kein Ziel, das Ende sei offen und unbestimmt, hatten die Aktivisten von And And And die über 100 Besucher in der Kunsthochschule begrüßt. Es gehe darum, Ideen zu sammeln, auszutauschen und aufzugreifen: „Eine Idee gehört nicht nur einer Person oder einem Projekt allein.“

Die künstlerische Leiterin, Carolyn Christov-Bakargiev, hat die Künstlergruppe And And And zur documenta 13 eingeladen. Weil die Gruppe eigentlich anonym agiert, beschränken sich Rene, der aus dem Iran kommt und in New York lebt, und Ayreen, die Wurzeln in Palästina hat, auf die Vornamen.

Die beiden moderieren. Um „commoning“ geht es, also um Vergemeinschaftung. Die Rede ist von Vernetzung, Beteiligung, Prozessen, von Intuition und Imagination, davon, auf Grundlage gemeinsamer Vorstellungen zusammen etwas aufzubauen. All das bleibt vage. Um so größer sind die Ziele der Anwesenden: „Den Kapitalismus unterlaufen“, „ein neues Wirtschaftssystem entwickeln“.

Vieles geschieht auch schon, ganz handfest. In Kassel bereits existierende Initiativen, die „solidarische Landwirtschaft“ betreiben, Gemüseselbsternteflächen bewirtschaften oder Grabelandgemeinschaften bilden, stellen sich vor. Studierende aus Witzenhausen berichten von Aktionstagen, als am Huttenplatz Hochbeete und Kräuterspiralen angelegt wurden. Vereine wie „Essbare Stadt“, „Stadt im Wandel“, die „Machbar-Stiftung“ und die „Internationalen Gärten“ erläutern ihre Ziele. Sie nutzen Brachflächen, schaffen Freiräume, initiieren über kollektives Gärtnern soziale Kontakte.

Ein Landwirt erklärt die Idee der Allmende, gemeinschaftlich genutzter Weide- und Huteflächen, und beklagt Veränderungen bäuerlicher Strukturen und kapitalistische Auswüchse. Bei der Bauernbefreiung und mit dem Ende des Feudalismus seien auch diese Gemeinschaften zerbrochen: „Da wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und alles kaputt gemacht.“ Beuys-Schülerin Shelley Sacks (Oxford), die gestern am Trafo-Haus am Lutherplatz einen Standort der von ihr gegründeten „Universität der Bäume“ einweihte, plädiert für neue Formen der Wahrnehmung: „Bäume sind Lehrer.“ Sie stünden stellvertretend für alle anderen Lebewesen, „Wesen in der Zwischenwelt, die uns rufen“.

Die Energie, die all diese „open gardening“-Projekte ausstrahlen, will And And And während der documenta 13 in der Turnhalle am Kulturbahnhof vermitteln. Die Künstler wollen documenta-Besucher einbeziehen - mit Workshops, „Walks“ (Spaziergängen) oder Aktionen. Alles noch offen. Kontakt: www.andandand.org Dort stehen auch zwei Briefe an die Kasseler Bevölkerung.

Von Mark-Christian von Busse

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