Blasorchester aus Rumänien und Serbien kämpften um die musikalische Vorherrschaft auf dem Balkan

Balkan Brass Battle im Kulturzelt: Das Duell der dicken Backen

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Die Stimmung ist aufgeheizt: Links in roten Hemden die Herausforderer von der Fanfare Ciucarlia, rechts Musiker des Markovic Orkestars, im Vordergrund Marko Markovic, fotografiert kurz vor ihrem Auftritt hinter dem Kulturzelt. (Foto: Fischer)

Kassel. Darf man sein musikalisches Projekt „Balkan Brass Battle“ nennen? Muss der „Battle“ ausgerechnet mit der Region assoziiert werden, die vor allem eines im Übermaß hatte: kriegerische Auseinandersetzungen? Die Antworten auf diese Frage gab es am Sonntagabend im fast ausverkauften Kulturzelt von zwei Blaskapellen.

Die haben genügend schwarzen Humor, um diesen musikalischen Kampf auszutragen. Denn die Fanfare Ciucarlia aus Rumänien und das Boban & Marko Markovic Orkestar aus Serbien sind für viele Konzertbesucher zwischen Tokio, New York, London und Kassel so etwas wie „der Balkan“ - verkörpern sie doch dessen Jahrhunderte alte musikalische Kultur der von Dorf zu Dorf wandernden Blaskapellen, die zu Hochzeiten, Begräbnissen und Taufen mit dem gleichen Enthusiasmus spielen. Und mit einer Geschwindigkeit, schneller als ein Maschinengewehr schießt.

19.30 Uhr: Im Kulturzelt herrscht eine Stimmung, wie vor einem Boxkampf. Spannung liegt in der Luft, das Publikum erwartet etwas Großes. Von links kommt ein Trompeter auf die Bühne, von rechts ein zweiter. Beide beäugen sich misstrauisch. Während man ihren kurzen Soli folgt, marschiert hinter jedem eine kleine Armee ein, bewaffnet ausschließlich mit Blasinstrumenten und ein wenig Percussion. Jetzt stehen 25 Musiker im Ring.

Der Kampf beginnt

In der roten Ecke steht die Fanfare Ciucarlia, rote Hemden, schwarze Mäntel, dunkle Hüte, in der blauen das Boban & Marko Markovic Orchestra, hellblaue, gestreifte Hemden, Jeans. Mit einem Augenzwinkern beglückwünscht Oprica Ivancea (Saxofon, Klarinette – einer von drei Ivanceas im Fanfare-Ensemble) die Markovics, dass sie die Herausforderung annehmen und um den Titel des besten Balkan Brass Ensembles kämpfen wollen, „der natürlich nur der Fanfare gebührt.“ Die Markovics lachen. Eine Münze wird geworfen. Sie entscheidet über die Reihenfolge.

Runde 1: Die Fanfare Ciucarlia beginnt mit einem rumänischen Lied, das plötzlich in das Filmmusik-Thema des „Rosaroten Panthers“ übergeht. Ivancea hält sein Saxofon so hoch, als würde aus dessen Mundstück kaltes Bier in seinen Rachen fließen. Runde 2: Das Markovic Orkestar antwortet mit dem Klassiker „Hava Nagila“, der seinen Ursprung in Bukovina (Karpaten) hat. Dies verschafft ihnen einen kleinen Vorsprung nach (Applaus-)Punkten. Doch in den nächsten Runden holt die Fanfare auf, weil sie, abgesehen von einer Turbofolk-Version von Duke Ellingtons „Caravan“ musikalisch zuhause auf dem Balkan bleibt, während das Markovic Orkestar nach dem Motto „es geht immer noch etwas schneller und etwas lauter“ mehr internationales Flair versprüht.

Markovics Version von James Browns „I feel good“ wird begeistert vom Publikum aufgenommen, das den Refrain mitsingt und nach 90 Minuten noch lange nicht genug hat. Die Fanfare greift den Wunsch, in den wilden Osten zu tanzen, mit zwei Klassikern aus ihrem musikalischen Fundus, „Jag Bari“ und „Lume Lume“ auf. Längst sind 200 bpm erreicht, eine Steigerung scheint kaum noch möglich.

Die Ruhe vor dem Sturm

Da sorgt das Markovic Orkestar mitten im Trubel für einen besinnlichen Moment, der auch durchgeschwitzten Tänzern die Gänsehaut über den Rücken jagt: Ganz leise spielt Marko Markovic auf seiner Trompete die ersten Töne von „Mesecina“ und beginnt zu singen „Nema vise sunca. Nema vise meseca. Pokriva nas ratna tama“ (Es gibt keine Sonne und keinen Mond mehr, der Krieg hat alles mit Dunkelheit überzogen). Als er dann zum Refrain „Mesecina. Mesecina, joi, joi“ ansetzt, gibt es im Publikum kein Halten mehr.

Der Turbo läuft wieder auf Hochtouren. „Kalashnikov“ aus dem Emir Kusturica-Film „Underground“ ist da nur die konsequente Fortsetzung. Man wundert sich bloß, dass die Fanfare ihr „Born to be wild“, bekannt aus dem Borat-Film, nicht dranhängt.

Nach zwölf Runden und fast zwei Stunden ist es dann soweit. Die Bandleader treten ans Mikrofon und bekunden gegenseitig ihren Respekt vor der Musik und dem Können der jeweils anderen Formation.

Rufe aus dem Publikum „Dann spielt doch zusammen!“ werden sofort aufgegriffen. Nach einem gut zwanzigminütigen Zugabenteil steigen einzelne Musiker mit ihren Instrumenten von der Bühne hinab ins Publikum, wo die Party weitergeht. Was für eine Nacht! (wd)

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