Rezension

Früher als zunächst geplant: Band Bilderbuch hat neues Album veröffentlicht

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Sie sind Popkultur pur: Bilderbuch Maurice Ernst (stehend) und seine Bandkollegen Peter Horazdovsky, Philipp Scheibl und Michael Krammer.   

Plötzlich war es da: Eigentlich hatte die Band Bilderbuch ihr neues Album „Mea Culpa“ für 2019 angekündigt – doch dann vor ein paar Tagen die Meldung, dass es schon am 4. Dezember veröffentlicht wird.

Erstmal ausschließlich digital und dann, im Februar, wenn mit „Vernissage My Heart“ die zweite neue Platte erscheinen soll, auch als Album. Allein die Ankündigung der neuen Musik der Austro-Popper reichte, um die deutschsprachige popkulturelle Welt in Aufruhr zu versetzen. 

Denn 2018 gab es bislang zwar viel neue Musik, aber der ganz innovative, richtungsweisende Sound blieb aus. Aber: Auf Bilderbuch ist Verlass. Sie lassen sich vom hohen Erwartungsdruck nicht beirren. Drei Gründe, warum „Mea Culpa“ das krisengeschüttelte Popmusikjahr 2018 krönt und Lust auf den Konzertsommer 2019 macht.

Der Bilderbuch-Sound

Schon auf „Magic Life“, ihrem zweiten Studioalbum haben die Wiener Jungs um Sänger Maurice Ernst es alles andere als betulich zugehen lassen. Und mit „Mea Culpa“ legen sie nach – bleiben aber musikalisch überraschend dicht an dem Vorgängeralbum dran. 

Bilderbuch sind Soundtüftler und -entdecker: Orgel, Synth-Tupfer, fette Beats, Loops, Autotune, Rap. Besonders spannend wird das, wenn Michael Krammer an der Gitarre zum Zug kommt, wie bei „Checkpoint (Nie Game Over)“. Klassische Songstrukturen interessieren sie weiterhin deutlich weniger als originelle Klänge.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Stilistisch sind sie weit geöffnet und so hört sich auch kein Song nach dem anderen an, wie es derzeit im deutschen Pop üblich ist. „Taxi Taxi“ klingt nach Blues, es finden sich aber auch jazzige und rockige Anleihen. Doch Bilderbuch kopieren nicht, sie zitieren – wollen selbst zitiert werden. Das wird ihnen mit „Mea Culpa“ auch wieder gelingen. Lediglich „Mein Herz bricht“ ist selbst für Bilderbuch ein zu süßer LSD-Trip-Soundbrei. Und wenn es unter den neun neuen Songs so etwas wie einen typischen Bilderbuch-Song gibt, dann ist es „Memory Card“ – cool-groovend.

Die Bilderbuch-Texte

Es geht diesmal nicht um den Traum vom schönen Leben (wie auf „Schick Schock“ 2015) und auch nicht um die neue Häuslichkeit („Magic Life“, 2017). Die Einsamkeit der optimierten Online-Generation, der gestressten „Superrichkids“ („Sandwishes“), Ignoranz („Lounge 2.0“) und Größenwahn knöpfen sich Bilderbuch jetzt vor. Die Texte sind nicht extrem tiefgründig, trotz nachdenklicher Zeilen – aber sie sind originell und klug. „Gib mir das Gefühl, dass ich etwas fühl“, heißt es in „Checkpoint“, in „Megaplex“ singt Maurice Ernst „Im Megaplex alles gesehen und ein Gefühl von nix“ und in „Memory Card“ heißt es „Auf einer Tankstelle auf der Suche nach Sprit“. „Ich glaub an die Liebe, ich lieb mich meistens selbst“, singt er in „Taxi Taxi“ – Der Sänger stichelt lässig, besingt Beziehungen, die intim aber eher trostlos und rauschhaft als romantisch sind. Der Clou: Das anzuhören macht Spaß. Zu ernst nehmen sollte man es nicht, nimmt sich die Band auch nicht. Das hört man.

Die Bilderbuch-Coolness

Bilderbuch wischen endgültig den Staub vom Austropop, der sich dort seit Falco abgesetzt hat. Für Maurice Ernst, der samt Band schon als „die österreichischen Beyoncés“ beschrieben wurde, ist klar: Er hält „seinen Hintern mit Selbstbewusstsein ins Licht“. Die Männer im deutschsprachigen Pop seien melancholische Denker oder machen einen auf harten Partytypen. „Wo ist das Kecke?“, fragte er im Interview. Wer Bilderbuch gehört, ihre Inszenierungen in Musikvideos oder live erlebt hat, weiß, es war eine rhetorische Frage.

Bilderbuch setzen kreative Trends auf „Mea Culpa“ – entschuldigen müssen sie sich dafür nicht.

Bilderbuch: Mea Culpa (Machine Records)

Wertung: Fünf von fünf Sternen

Live: 14.4. Stadthalle, Kassel Karten: 0561/203204 oder beim HNA-Kartenservice

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