Die Band Madsen: "Wir stehen immer im Abseits"

Die Rockband Madsen macht ganz bewusst Fehler - und fährt seit elf Jahren sehr gut damit. Sänger Sebastian Madsen erklärt im Interview, wieso Madsen eine Gegenthese zur perfekten Band sind.

Die Musiker der Band Madsen sind im Wendland aufgewachsen und lieferten jahrelang den Soundtrack zum Protest gegen das atomare Endlager im nordöstlichen Zipfel von Niedersachsen. Nach elf Jahren klingt das Quartett auch auf dem sechsten Album „Kompass“ immer noch wie eine Mischung aus Tocotronic und den Toten Hosen auf Emo. Wir sprachen mit Frontmann Sebastian Madsen (34).

Was gibt es heute zu Essen bei Ihnen? 

Sebastian Madsen: Wir sitzen mit der ganzen Familie im Garten und essen Kuchen. Wieso?

Der Premiumversion Ihres neuen Albums liegt ein Kochbuch mit Schürze bei. Sind Sie auch einer der Veganer, die ihr Essen bei Instagram posten? 

Madsen: Nein, aber die vegetarischen Rezepte in dem Buch sind von mir. Die anderen Band-Mitglieder sind alle Fleischliebhaber. Ich esse manchmal Fleisch, weil ich zu faul bin und mir es zu gut schmeckt. Kochen ist unser gemeinsames Hobby. Wenn wir auf Tour sind, schälen wir aus Langeweile schon mal Kartoffeln im Club. Weil wir aus der CD-Box etwas Persönliches machen wollten, haben wir das Kochbuch zusammengestellt. Mein Lieblingsgericht ist „Penne Bördespeck“. Das sind Nudeln mit geräuchertem Gouda. Man hat das Gefühl, ein herzhaftes Fleischgericht zu essen.

Im Pressetext heißt es, dass Madsen die Gegenthese zur perfekten Band sind. Was soll das heißen? 

Madsen: In die deutsche Musikszene haben wir eigentlich noch nie richtig reingepasst. Wir waren zum Beispiel ganz weit weg von der neuen Neuen Deutschen Welle mit Bands wie Juli und Wir sind Helden, mit denen wir oft verglichen wurde. Hier auf dem Land haben wir unseren eigenen Sound kreiert. Die meisten Trends kamen hier viel später an als anderswo. Anfang der 90er haben wir etwa den Punkrock entdeckt. Wir dachten, wir seien jetzt kleine Punks.

Aber der Gitarrenschrammelrock der Hamburger Schule passt doch ganz gut zu Madsen. 

Madsen: Das stimmt. Tocotronic haben mich erst dazu gebracht, auf Deutsch zu singen. Vorher war das undenkbar. Aber auch mit der Schluffimusik der heutigen Liedermacher mit ihrem Schlafzimmerblick haben wir nichts zu tun. Wir stehen immer ein bisschen im Abseits und sind aus Überzeugung fehlerhaft. Unsere Sprache passt manchmal nicht ins Bild. Im Studio werden die Songs nicht auf Hochglanz poliert. „Kompass” klingt wie ein Live-Album.

Zuletzt waren Sie als Rapper Zorro mit Stars wie Campino im lustigen Deichkind-Video zu „Selber machen lassen” zu sehen. Wer ist bitteschön Zorro? 

Madsen: Der ist schon seit zehn Jahren im Untergrund aktiv und eine dieser Quatschfiguren, die wir uns mit der Band ausgedacht haben. Es gibt etwa noch den Schlagersänger Wolfgang Wahnsinn. Mit denen experimentieren wir auf www.therealhits.de. Dank Zorro beschäftigen wir uns in der Band auch mit HipHop. Begriffe wie „Arsch” und „Scheiße”, die im Rap normal sind, hätte ich mich bei Madsen früher nie zu singen getraut.

Sie leben in Berlin, die anderen Musiker in Hamburg. Sind Madsen eigentlich noch eine Band aus dem Wendland? 

Madsen: Das Wendland spielt nach wie vor eine große Rolle für uns. Wir proben und schreiben auch die meisten Songs hier. Nach zwei Wochen fällt mir allerdings schon die Decke auf den Kopf. Umgekehrt macht mich auch die Stadt nach einiger Zeit nervös. Ich muss dann wieder zurück.

Ist es eigentlich okay, wenn Fans Ihre Musik bei Streamingdiensten wie Spotify oder Apple Music hören?

Madsen: Auf jeden Fall. Auch der Klang ist total okay. Ich höre keinen Unterschied zwischen einer CD und einer MP3-Datei. Streaming ist ein Teil der Gesellschaft geworden. In ein paar Jahren werden alle so Musik hören. Und die Menschen werden bereit sein, dafür Geld auszugeben. Ich höre allerdings am liebsten den knackigen Sound von Vinyl. Wenn es in drei Jahren keine CDs mehr geben wird, sitze ich auf meinen Schallplatten und sage: „Ätsch.”

Zur Band

Mitglieder: die drei Brüder Sascha (31, Schlagzeug), Johannes (36, Gitarre) und Sebastian Madsen (34, Gitarre, Gesang) sowie Niko Maurer (34, Bass)

Gegründet: 2004

Heimat: Clenze-Prießeck im Wendland

Privates: Sebastian Madsen ist mit der Live-Keyboarderin Lisa Nicklisch zusammen und lebt in Berlin sowie im Wendland.

Aktuelles Album: Kompass (Four Music). Wertung: vier von fünf Sternen

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