Johannes Wieland untersucht mit dem „Tanzabend II. Catcher“ im Kasseler Opernhaus Formen der Gewalt

Im Bann von „Ich, mir, meins“

Das Leben ist ein aggressiver Wettbewerb: Die Tänzer (von links) Ryan Mason, Michele Meloni, Elisabetta Lauro, Sho Ikushima, Marta Labella, Cornelius Ganea und Lillian Stillwell kämpfen gegeneinander. Der Klangkünstler Bernd Wegener (kleines Bild, vorn) spielt mit Ryan Mason (mit Akkordeon) zusammen. 2 Fotos: Ketz

Kassel. Eva kennt sich aus. Ich ist eben Ich. Sie breitet die Arme aus, ein siegessicheres Lachen im Gesicht, „Meines“, sagt sie.

Die junge Frau im Minirock über den Leggings erklärt dem Mann mit dem Glitzer-T-Shirt die vorherrschenden Gesetze unserer Zeit zum Sound schlagender Holzäxte. „Ich, mir, meins“. Zum Schluss schwingen Eva Mohn und Cornelius Ganea, zwei ausdrucksstarke Tänzer mit viel Charisma, selbst die Äxte, skandieren damit unermüdlich ihr „Ich“.

Johannes Wieland ist der Analytiker unter den Choreografen, der Emotionen, Befindlichkeiten und Strukturen in einer postmodernen, medialen Gesellschaft untersucht.

Bei seiner Tanztheaterpremiere „Catcher“ im Kasseler Opernhaus bleibt er Gewalt, Aggression und Egomanie auf der Spur, fragt nach ihrer Entstehung und ihren Formen. Wielands Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Thorsten Teubl verweigert Antworten und lässt sie doch durchscheinen. Vielleicht Toleranz?

Vierzehn Tänzer in junger Alltagskleidung (Kostüme: Evelyn Schönwald) erzählen kleine Geschichten: Miniaturen des Grenzüberschreitens, Kämpfens, Konkurrierens. Sinnbilder unserer Zeit im fast leeren Raum (Bühne: Johannes Wieland). Auf dem Sportfeld regiert die Schiedsrichter-Autorität mit der Trillerpfeife die Company. Zwei Tänzerinnen (Meimouna Coffi und Lillian Stillwell) spielen Zickenkrieg, zitieren Darwin und schnippen sich die Männer heran.

Der Tanz von Ryan Mason ist eine hinreißende Art der Vaterbewältigung („My father says“) zwischen Anerzogenem und eigenem Lebensentwurf.

„Catcher“ ist eine stark tänzerisch geprägte Choreografie. Zur passgenauen Klangcollage, die der Schlagwerker Bernd Wegener zum Sounddesign von Christian Düchtel und Matt Flores auf der Bühne performt, breitet Wieland groß angelegte Tanztableaus aus, choreografiert dynamische Duette, entwickelt kraftvolle Raumpassagen zu den treibenden Klängen Wegeners auf Schlagbecken und aufgehängten Industrieteilen.

Tänzer drehen sich wie geschraubt um ihre eigene Mitte und bilden poetische Skulpturen zum meditativen Klang. Das Rascheln eines Papiers, das Schaben auf einer Scheibe, das Klingen einer alten Spieluhr, alles wird hier zur Bewegung.

Der Grenzgänger Wieland überrascht auch bei „Catcher“ mit verblüffenden Wechseln zwischen witzig-leichten Impressionen und nachhaltig melancholischen Bildern. Unter sich vorwärts schiebenden Industrielampen wird die Company in gleichgeschalteten Schrittmustern gescannt. Und Cornelius Ganeas Solo als tanzender Boxer zeichnet ein einsames Ich zum Kreiseln von Strahlringen. „Catcher“ ist Klangkosmos, Körperkosmos, Weltenbild. Zur Premiere freundlicher Applaus.

Auch am 13.3. und 21.3., 19.30 Uhr, Opernhaus Kassel. Karten: Tel.  0561/1094-222 

Ein Video finden Sie unter www.hna.de/video

Von Juliane Sattler

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