Neu im Kino: Florian Henckel von Donnersmarck erfüllt die hohen Erwartungen an „The Tourist“ nicht

Im Bann der schönen Fremden

Wohin die Reise auch führt: Johnny Depp und Angelina Jolie als Frank und Elise auf dem Boot in Venedig. Foto:  Verleih

Nach dem Oscar für sein Erstlingswerk „Das Leben der Anderen“ wurde Florian Henckel von Donnersmarck in Hollywood mit Angeboten überhäuft.

Als bekannt wurde, dass in seinem US-Debüt mit Angelina Jolie und Johnny Depp zwei der größten lebenden Filmstars die Hauptrollen übernahmen, schien es, als sei er ganz oben im Olymp der amerikanischen Filmindustrie angekommen.

Aber der Schein trügt. Denn mit „The Tourist“ geht Donnersmarck den Weg, den bisher fast alle deutschen Regieneulinge in Hollywood gegangen sind. Wolfgang Petersen, Roland Emmerich, Robert Schwentke - sie alle mussten sich in einer Genreproduktion bewähren. Donnersmarck tut dies nicht in einem Action-Film, sondern mit einem romantischen Spionagethriller. „The Tourist“ ist ein Remake des französischen Thrillers „Fluchtpunkt Nizza“.

In visueller Hinsicht bietet der Film kompromissloses Starkino. Die Kamera klebt an Angelina Jolie, wie sie in formvollendeter Eleganz und äußerst unbequemem Schuhwerk zum Pariser Gare de Lyon gleitet, um den Zug nach Venedig zu nehmen.

Dabei wird sie von Agenten überwacht. Denn Elise Ward ist die letzte heiße Spur, die zu dem Großkriminellen Alexander Pearce führt. Um die Verfolger abzulenken, soll Elise im Zug irgendeinen Unbekannten ins Gespräch verwickeln. Auftritt Johnny Depp als schusseliger Mathelehrer Frank Tupelo. Mit einem Kuss am offenen Hotelfenster vor dem Canal Grande ist Franks Schicksal besiegelt.

Fortan ist der harmlose Amerikaner nicht nur der Verfolgung von Geheimdienst und Mafia, sondern auch seinen Gefühlen für die geheimnisvolle Schöne ausgesetzt.

Innerhalb der Genregrenzen lässt Donnersmarck kräftig die Muskeln spielen. Venedig erstahlt in fast schon absurdem romantischen Glanz, luxuriöse Hotelsuiten, riesige Ballsäle und natürlich Angelina Jolie in prachtvoll wechselnder Garderobe. Das alles ist nicht ohne Ironie in Szene gesetzt, aber dick aufgetragen.

Dem gegenüber steht die eher dünne Geschichte, die, weder was die Charaktere noch die narrative Spannkraft angeht, überzeugen kann. Unübersehbar verneigt sich der Film vor Klassikern wie Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“, ohne jedoch selbst zu einer stimmigen Originalität zu finden.

Als erste Visitenkarte für Hollywood mag eine solch routiniert wirkende Genrearbeit ganz brauchbar sein. Aber von dem Regisseur von „Das Leben der Anderen“ hätte man weit mehr erwarten können.

Genre: Thriller

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!:::

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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