Bassbariton Thomas Quasthoff im Interview

Machen am Dienstag in Kassel „keine Kunst“: Michael Frowin (links) und Thomas Quasthoff. Foto: Brundert/nh

Mit dem Kabarettprogramm "Keine Kunst" kommt Thomas Quasthoff nach Kassel. Ein Gespräch über sein Programm, das Musikgeschäft, Lachen in schwierigen Zeit, New York und die AfD.

Wenn Schauspieler und Musiker einen Film oder ein Album bewerben, organisieren oft PR-Agenturen Interviewtage, an denen ein Gespräch dem anderen folgt - ermüdend für den Prominenten, der immer gleiche Antworten abspult.

Bei Thomas Quasthoff, der am Dienstag mit seinem Kabarettprogramm in Kassel gastiert, war es anders. Er hatte Zeit und Ruhe, sich auf ein langes Telefonat einzulassen: Es ging um G 8 und den Stress von Schülern, die „Knödelei“ überschätzter Baritone, den gerade gestorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt („einer der musikalisch radikalsten, unbestechlichsten, wissendsten, klügsten und auch noch sympathischsten Dirigenten, komplett frei von jeglichem Ego“), um Schuldgefühle seiner Mutter wegen seiner Behinderung und seinen vor fast vier Jahren gestorbenen Bruder: „Ich vermisse ihn irrsinnig.“ Ein Querschnitt der Gesprächsthemen:

Das Kabarettprogramm „Keine Kunst“: Es setze sich auf humorvolle, ironische, böse Weise mit Kultur auseinander: Malerei, Theater, Medien, dem Publikumsgespräch im Foyer. „Fahren Sie nach München in die Philharmonie, dann wissen Sie, was ich meine. Das ist Kabarett pur. Leute, die sich anmaßen, weil sie seit 40 Jahren ins Konzert gehen, dass sie ein Stück von Schoenberg verstehen. Oder eine Mozart-Symphonie. Da denke ich: Pustekuchen.“ Quasthoff verspricht: „Es wird auch deutlich, wo ich politisch stehe.“

Bühnenpartner Michael Frowin: „Ein liebenswerter, erfahrener Kabarettist mit enormer Bühnenpräsenz, der sehr gut spontan reagieren kann. Diese Schnelligkeit im Kopf kann man nicht lernen. Ich stehe mit einem Freund auf der Bühne.“

Sein bevorzugter Humor: „Platter Humor sicher nicht. Klamauk ist nicht schlimm, solange es nicht zwei Stunden so abläuft.“ Quasthoff schätzt das literarische Kabarett eines Hanns Dieter Hüsch wie die Schärfe eines Georg Schramm oder der aktuellen ZDF-„Anstalt“: „Die pieken da rein, wo es wirklich wehtut.“

Lachen in schwierigen Zeiten: Auf die Frage, ob die Situation nicht zum Heulen sei, redet sich Quasthoff richtig in Rage. Weil der russische Präsident Putin zum „Inbegriff des Bösen hochstilisiert“ werde, Europa zugeguckt habe, „wie Tausende Flüchtlinge im Mittelmeer verreckt sind“. Quasthoff findet: „Wir kriegen zurück, was wir gesät haben - so einfach ist das.“ Außer Panik zu schüren habe die AfD „nicht irgendeine Antwort“. Die Diskussion mit den Rechtspopulisten zu verweigern, hält er für eine Bankrotterklärung der Demokratie.

Unerträgliche Musik: „Berührungsängste habe ich gar nicht. Aber bei plumpem Schlager und nachgemachter Volksmusik zieht’s mir schon die Schuhe aus. Dieses eintönige Heile-Welt-Trallala brauch’ ich nicht. Ich kann auch mit Brutalo-Rap nichts anfangen.“

Das Dirigat von Bachs Matthäus-Passion: „Ich habe dieses Stück im Lauf meines Lebens praktisch in allen Stimmen gesungen. Ich kenne es wirklich sehr gut. Aber das war sehr anstrengend. Zu wissen, wo die Akkorde in den Rezitativen kommen, das müssen Sie schon lernen, das ist wirklich Fleißarbeit. Ich bin kein Dirigent.“

Der Klassik-Markt: „Bei der Deutschen Grammophon laufen Mittdreißiger rum, die mir erzählen wollen, wie das Musikbusiness funktioniert. Das ist ein bisschen komisch. Wenn Sie sehen, wie sich eine Branche abfeiert, die seit Jahren im Sterben liegt, wie sich alle irrsinnig wichtig nehmen, das ist nicht mehr meine Welt.“

Neue Musik: „Ich kann nur Musik singen, die mich selbst berührt - mit wenigen Ausnahmen. Sopranistin Juliane Banse hat neulich gesagt: Liebe Komponisten, traut euch doch, wieder Melodien zu schreiben. Da ist wirklich was dran. Melodien, nicht Harmonien. Die Stimme ist zum Singen da, finde ich, nicht, um Sägegeräusche zu erzeugen.“

Förderung junger Sänger: „Was ich vermitteln will, ist Demut - vor dem Beruf und vor der Komposition. Demut, Fleiß, noch mal Fleiß und Genauigkeit. Eine schöne Stimmer reicht nicht aus, wenn man sie nicht intelligent, sprich farbenreich benutzt.“

Lieblingspublikum: „New York. Es ist am schwersten zu gewinnen, aber die Begeisterungsfähigkeit ist irre. Ohne gesellschaftliche Etikette. Die Leute gehen in Jeans mit Sandwichtüten ins Konzert. Zur Lockerheit kommt: Es gibt keinen Neid. Man hat einen Höllenrespekt vor Leistung.“

15.3., 19.30 Uhr, Schauspielhaus Kassel, Thomas Quasthoff, Michael Frowin, Jochen Kilian (Flügel): „Keine Kunst“. Karten: Tel. 0561/1094222, www.staatstheater-kassel.de

Zur Person

Thomas Quasthoff, 56, geboren in Hildesheim mit einer contergangbedingten Behinderung, hatte das Glück, dass er immer ein „Sonnenschein-Kind“ war, wie er sagt. Seine Eltern hätten ihn nie anders behandelt als den zwei Jahre älteren Bruder: „Es gab ja keine Lehrbücher: Wie erziehe ich einen contergangeschädigten Jungen?“ Außer im Internat sei er immer integriert gewesen. Seine außerordentliche Sängerkarriere startete er nach einigen Semestern Jura und einer Tätigkeit bei der Kreissparkasse Hildesheim gegen erhebliche Widerstände: Die Musikhochschule in Hannover lehnte ihn anfänglich ab, weil er kein Klavier spielen konnte.

Der vielfach prämierte Bassbariton sang mit internationalen Spitzenorchestern auf den weltweit bedeutendsten Bühnen und Festivals, veröffentlichte zahlreiche CDs, auch mit Jazzmusikern, schrieb seine Autobiografie. Sein Operndebüt hatte er bei den Salzburger Opernfestspielen, das zweite Engagement an der Wiener Staatsoper: „Es ist der schönste Beruf der Erde, aber auch knallhart.“

Anfang 2012 gab er bekannt, dass er sich als Sänger von der Bühne zurückzieht: „38 Jahre Gesang auf höchstem Niveau ist Leistungssport, das hinterlässt Spuren“, sagt Quasthoff. „Ich bin nicht mehr so fit, ich habe drei Stents aufgrund von erblich bedingter Arteriosklerose.“ Reisen, Jetlags, die hohen Erwartungen zu erfüllen - „das alles ist auch mental sehr anstrengend.“ Quasthoff sagt aber auch: „Ich habe mich nie verdreht, um einem Dirigenten in den Hintern zu kriechen.“

Der 56-jährige dreifache Grammy- und sechsfache Echopreisträger lehrt als Professor an der Musikhochschule in Berlin, gibt Meisterkurse, hat einen Liedwettbewerb ins Leben gerufen. Er spielt zurzeit den Narr in Shakespeares „Was ihr wollt“ am Berliner Ensemble und tritt als Rezitator und Kabarettist auf. Quasthoff ist verheiratet und hat eine Stieftochter.

Von Mark-Christian von Busse

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