Kabarettist Urban Priol ließ in Kasseler mächtig Dampf ab

Mit Wut im Bauch

Die Frisur hält: Nicht nur für seine Haare bekam Urban Priol beim Auftritt in Kassel viel Applaus. Foto: Herzog

Donnerstag, Stadthalle Kassel, 20 Uhr. Die Scheinwerfer brennen, der Saal ist fast ausverkauft, aber die Frisur hält. Wie Stromkabel, die sich durch seine Schädeldecke gebohrt haben, stehen ihm die Haare zu Berge. Der „Wutinator“ aus Aschaffenburg ist da. Eine kabarettistische Stichflamme nach der anderen wird später aus seinem Mund schießen.

Sein Name: Urban Priol. Seine Botschaft: „Wenn euch die Leute ärgern, dann ärgert sie zurück.“ Fast drei Stunden ärgert er zurück: Er wütet, schimpft, würgt, schießt verbal auf alles, was sich vor seinem Fadenkreuz bewegt. Auf die Politiker, die Banken, den Papst, für ihn ein „älterer Herr“, dem er „skeptisch gegenübersteht, weil er Frauenkleider trägt“, und noch mehr auf die, die sich seiner Ansicht nach überhaupt nicht bewegen, sondern nur platte Phrasen dreschen und sich vor der Verantwortung drücken.

Das Publikum weiß, wen er damit meint: Angela Merkel, Priols Lieblingsgegnerin. „Das scheinheilige Ostgesteck, auf die werde ich heute noch öfter zu sprechen kommen“, sagte der 50-Jährige. Das Publikum genoss die Kunst des Scharfschützen aus Mainfranken in vollen Zügen. Selten hat man so gelacht. Ein Priol in Bestform.

Von links nach rechts und zurück hetzt er über die Bühne wie ein aufgescheuchtes Huhn. Seine Sprechgeschwindigkeit ist phänomenal, seine Pointen zünden, seine Vergleiche genauso: „Der Euro?“ Nichts mehr wert. Wer Gold im Mund hat, der muss jetzt im Tresor übernachten.“ Wie wir uns vor allem von den Politikern verdummen lassen und dann auch noch dazu nicken, das geht ihm mächtig gegen den Strich. „Wer sollte diese Nasen denn heute noch entführen? Die sind alle so luschig geworden.“

Einen Tusch verdient er für seine Parodien. Kohl, Schröder, Merkel, und, und, und. Am liebsten alle drei gleich in einem Satz - das ist nicht nur sein Stil, das ist hohe Kunst.

„Wie im Film“ heißt sein neues Programm. Der Titel hat wenig mit dem Inhalt zu tun. Einige kurze Intermezzi, in denen er einen Schauspieler mimt, der beim Jobcenter landet - das war es schon. Für Priol ist dies nur eine weitere Möglichkeit, Dampf abzulassen über „diese drögen Fallbearbeiter im Arbeitsamt“.

Hat Spaß gemacht, diesen genialen Kabarettisten beim Wüten zu erleben. Viel, viel Applaus.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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