Der Kasseler Hamid Baroudi stellt beim morgen beginnenden Weltmusikfestival sein neues Album vor

Er baut eine musikalische Arche

Kassel. Ein Höhepunkt des morgen beginnenden Kasseler Weltmusikfestivals ist der Auftritt des Kasselers Hamid Baroudi, der aus Algerien stammt. Er stellt sein Album „Tam Tam a Tam“ vor.

Der Weltmusiker baut eine musikalische Arche. Er sammelt weltweit Musik, Melodien, Klänge von fast vergessenen Instrumenten oder Rhythmen, nimmt sie auf und arbeitet sie in seine Lieder ein - oft kombiniert er dazu Club- Grooves oder Jazz-Anklänge.

Schon im ersten Song „Lala Mina“ wird sein musikalisches Konzept deutlich: Ein Mädchen spricht, ein Mann schreit, Grillen zirpen. „Wir haben in der südalgerischen Stadt Tamanrasset aufgenommen“, erzählt Baroudi. In der Küche einer betagten Tuareg-Frau: „Terzegh ist Meisterin des einsaitigen Instruments Imzad. Sie war damals 92 und konnte nicht reisen, also haben wir ihre Musik bei ihr aufgenommen“, erzählt der 49-Jährige. Terzegh hatte ihn gebeten, ihre musikalische Tradition zu bewahren. Nur Frauen spielen Imzad, als Terzegh später starb, ist wieder ein Stück Tradition verloren gegangen.

Wenn in einem Lied auf so einem vor Ort aufgenommenen Tonschnipsel mal ein Topf klappert oder jemand hustet, ist das für Hamid Baroudi ein Ausweis von Authentizität. Mit den glattgebügelten Weltmusikprojekten der großen Plattenfirmen kann er nichts anfangen: „Musik muss roh sein.“ Und zeitlos. Uralt und ganz aktuell zugleich. Kein Wunder, dass sich derzeit immer wieder HipHop-Künstler für dieses musikalische Rohmaterial interessieren. Sie bitten Hamid Baroudi, ihnen für ihre Titel ein paar Loops mit exotischen Melodien zur Verfügung zu stellen.

Wird erledigt - und im Gegenzug rappen sie für ihn. Mal lernt Baroudi in der Lobby eines Hotels eine libanesische Hobbymusikerin kennen, mit der er etwas einsingt, mal trifft er in einer andalusischen Kneipe Frauen, mit denen er einen Titel entwickelt, der die maurischen Einflüsse des Flamenco illustriert („Omri“).

„Song for Gambia“ ist auch so eine Musik-Arche: Hier ehrt er seinen langjährigen Mitmusiker Karamo Kuyateh, der aus Deutschland abgeschoben wurde. Er steht in der westafrikanischen Tradition der Griots, jener Instrumentalisten, die die Kultur ihres Volkes musikalisch weitertragen. Er spielt die Kora, die 21-saitige Stegharfe.

„Ich sehe mich weniger als Musiker, mehr als Verflechter von Völkern“, sagt Hamid Baroudi. Fünf Jahre hat er an der CD gearbeitet und Filmmaterial aufgenommen für eine Weltmusik-DVD. Baroudi schätzt die Unabhängigkeit von Plattenfirmen, mit seinem Label Hoggar Music ist er unabhängiger. Sein fertiges Lied „Lala Mina“ spielt er nicht nur dem Kasseler Publikum bei der Konzertpremiere vor, sondern präsentierte es auch der Tuareg-Familie, bei der Teile davon aufgenommen wurden. Dort saßen von der alten Dame bis zum jungen Mädchen alle in der Küche und lauschten mit Kopfhörern. In solchen Momenten weiß er, dass sein Konzept aufgegangen ist.

Hamid Baroudi: Tam Tam a Tam (Hoggar Music) ab Juli.

Von Bettina Fraschke

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