Richard-Wagner-Festspiele

Religionskritik in Bayreuther Inszenierung"Parsifal"  

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Begegnung in der Einöde: Elena Pankratova als Kundry wäscht Andreas Schager als Parsifal die Füße, rechts Günther Groissböck als Gurnemanz.

Bayreuth. Die zweite Premiere der Bayreuther Festspiele, Uwe-Eric Laufenbergs "Parsifal"-Inszenierung, untersucht religiöse Rituale. Dirigent Semion Bychkov legt einen Samtteppich aus.

Dafür geht der Mensch erschreckend weit. Wie dringend braucht er seine religiösen Rituale. Er inszeniert Blut, Schmerz und sogar heftigste Verwundung. Alles für die vermeintliche Vergewisserung, dass darin das Erlösende erfahrbar werden kann. Diese starke Setzung in Uwe Eric Laufenbergs Bayreuther Inszenierung von Richard Wagners „Parsifal“ überzeugt bei den Festspielen auch in diesem Jahr. In kaum aushaltbarer Deutlichkeit führt der Regisseur die Gralsritter als Gemeinschaft vor, die tatsächlich immer wieder Blut sehen, Blut trinken will, und dafür den siechen Amfortas (Thomas J. Mayer) fordernd bis zur totalen Erschöpfung benutzt. Neben dem Kreuz ist auch die Kluft eines IS-Kämpfers zu sehen, Todbringer als behaupteter Erfüllungsgehilfe einer anderen Religion.

Semyon Bychkov rollt in seinem Bayreuth-Debüt einen akustischen Samtteppich aus, macht das Bühnenweihfestspiel zum Sängerfestspiel und kommt mit der schwierigen Akustik bestens klar. Sein Dirigat dient vollkommen den Sängern. Dabei ist sein getragenes Klangbild eher schwer angelegt, romantisch statt intellektuell, monumental in der Verwandlungsmusik, aber auch zärtlich. Im Vorspiel zum dritten Aufzug mit dunkler Bedrohlichkeit und überirdischem Glanz. Der Russe (65) ist Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, war zuvor in Paris und Dresden.

Gisbert Jäkels Bühnensetting ist wunderschön: ein Kloster in einer Wüstenei im Nahen Osten. Karg, beschädigt und immer wieder von Soldaten heimgesucht. In Bedrängnis. Als Fremder kommt Parsifal herein, bekommt ein Plastikfläschchen Wasser gereicht, und von Gurnemanz (Günther Groissböck) die Chance, am Geheimnis der Gemeinschaft teilzunehmen.

Desgleichen im zweiten Aufzug beim Gralsritter-Konkurrenten Klingsor (Derek Welton), der sich geißelt, um sein Ritualbedürfnis zu befriedigen. Klingsor schickt eine Frauenarmee an den Feind: Die Blumenmädchen wirken im Hamam mit Uniformen aus Pailletten-BHs im Nahkampf auf Parsifal ein. Und Kundry (Elena Pankratova) neigt als Schmerzensreiche ihr Antlitz zu allen Figuren, setzt am Ende Gurnemanz in den Rollstuhl und reinigt den Kühlschrank in seiner heruntergekommenen Eremitage.

Elena Pankratova und Andreas Schager erhalten einen derartig frenetischen Jubel, wie ihn selbst das Bayreuther Publikum selten spendet. Mit immenser, nicht nachlassender Power und mit großer Sanftheit gestalten die beiden ihre Partien. Pankratova mit metallischer Schärfe, da, wo sie hinpasst, mit verführerischer Empathie und einem insgesamt golden strahlenden Stimmtimbre. Andreas Schager ist ein ausdrucksstarker Darsteller, der seinem Parsifal viel Nachdenklichkeit mitgibt, ebenso Mut zur tenoralen Zartheit hat wie (manchmal zu sehr) zum übersteigerten Fortissimo. Günther Groissböck gelingt als Gurnemanz im kultivierten Erzählton beste Textverständlichkeit, sein balsamischer Bass strömt sanft, in aller Zurückhaltung seiner Figur ist seine Bühnenpräsenz doch kolossal.

Derek Welton ist ein verschlagener Klingsor mit dämonischem Stimmduktus. Auch Thomas J. Mayer als Amfortas und Tobias Kehrer als Titurel sind hervorzuheben. Kleines Manko: Die Stimmen von oben im ersten Akt waren diesmal deutlich zu leise.

Jemand wie Parsifal (Andreas Schager), sagt die Inszenierung, könnte Erlösung von dem ewigen Klammern an Religionen und Riten bringen. Dann wäre mal Schluss mit schmerzlich – und Raum für eine echte Befreiung. So schmeißen am Ende alle ihre religiösen Requisiten in einen Sarg („Erlösung dem Erlöser“). Hier, im Utopienteil des Abends, werden die Bilder trotz des lohnenden Gedankenkosmos‘, den die Regie eröffnet hatte, massiv schwächer, kunstgewerblicher. Es droht Kitschalarm. Nach dem Komplettjubel im vergangenen Jahr gab es am Donnerstagabend im Festspielhaus nun auch eine Reihe von Buhs fürs Regieteam.

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