Bayreuths „Ring“ endet im Eklat

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Showdown in Kreuzberg: Vor der Kulisse einer Dönerbude sorgt Hagen (Attila Jun, Mitte) für Tumult. Brünnhilde (Catherine Foster, links) sieht zu.

Bayreuth. Die Bayreuther Jubiläums-Festspiele zum 200. Geburtstag Richard Wagners haben ihren Eklat. Dass Regisseur Frank Castorf nach der „Götterdämmerung“, dem Abschluss des „Rings des Nibelungen“, einem Buhkonzert ausgesetzt sein würde, hatte sich bereits abgezeichnet.

Aber die orkanartige Heftigkeit, mit der sich die Publikumsmehrheit abreagierte, überraschte schon.

Und Castorf? Der schlich sich angesichts der lärmenden Buher nicht einfach davon, sondern blieb minutenlang auf der Bühne stehen, gestikulierte, tippte sich an die Stirn - und stachelte so die Wut im Publikum weiter an. Eine provozierende, aber auch eine starke Geste: Seht her, ich stehe zu dem, was ich angerichtet habe.

„War es so schmählich, was ich verbrach?“, könnte er mit Brünnhilde fragen. Der Hauptvorwurf, der Castorf gemacht wird, er habe den „Ring“ nicht ernst genommen und ihn mit seinem Trash-Theater veralbert, trifft jedenfalls nicht zu.

Frank Castorf

Schon gar nicht nach dieser „Götterdämmerung“. Von der Erdöl-Thematik bleiben hier zwar nur einige Ölfässer als Erinnerungsmotive übrig. Dafür zeigt Castorf in starken Bildern am Beispiel Berlins, wie gesellschaftliche Systeme kollabieren. Der Gibichungenhof, wo Siegfried schließlich den Intrigen von Alberichs Sohn Hagen zum Opfer fällt, ist eine Kreuzberger Dönerbude am Rande der Mauer. Eine Vierteldrehung weiter zeigt die Bühne eine Riesentreppe und eine Fassade mit dem DDR-Werbeslogan „Plaste und Elaste aus Schkopau“ in Leuchtschrift.

Zerstörte Hoffnungen

Plakativ wird das Scheitern des sozialistischen Modells der DDR - ein Lebenstrauma wohl des Regisseurs - hier in die geschichtliche Folge zerstörter Hoffnungen eingereiht, zu denen am Ende wohl auch das kapitalistische System gehören wird. Das lässt zumindest die - zunächst wie von Christo verhüllte - Fassade der New Yorker Börse ahnen (Bühne: Aleksandar Denic). Castorf vermeidet zwar die simple Gleichung Walhall = Wall Street, doch wird die Börse schon von gefährlichem Rot umwölkt.

Der Schicksalfaden aber, den die Nornen spinnen, reißt ausgerechnet an einer weiteren Bühnenseite, wo - kultureller Rückfall? - an einem Voodoo-Altar Tiere geopfert werden.

Auf Gags wie in „Siegfried“ verzichtet Castorf hier - sieht man von einem Kinderwagen voller Kartoffeln ab, der die Treppe herunterrasselt - eine Reminiszenz an Sergei Eisensteins Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“. Äußerst dicht wird dagegen erzählt, wie der tumbe Hallodri Siegfried in die Fänge der Möchtegern-Aufsteiger Gunther und Gutrune gerät, bei denen Hagen als Chef einer Schlägerbande im Hintergrund die Fäden zieht.

Auf niemanden ist Verlass, auch nicht auf die Rheintöchter-Girlies, denen Brünnhilde, anders als im Original, am Ende den Macht verheißenden Ring verweigert - sie wirft ihn ins Feuer. Sängerisch grandios und gefühlsstark verkörpert von Catherine Foster, ragt die golden gewandete Brünnhilde (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) als märchenhaft humane Figur aus dem realen Leben heraus. Vielleicht ein Moment von Utopie.

Kirill Petrenko

In seiner zutiefst pessimistischen Weltsicht gehört Castorfs Sympathie sonst den Underdogs: Ganz stark ist der Moment, als Siegfrieds Mörder Hagen während des berühmten Trauermarschs in einer Filmeinspielung zweifelnd und verzweifelt durch den Wald irrt. Und dies in perfekter Harmonie mit der Musik, der Dirigent Kirill Petrenko das Martialische nimmt und die Trauer belässt.

Während bei den Sängern, darunter viele Bayreuth-Debütanten, außer Wolfgang Koch als Wotan und Catherine Foster als Brünnhilde keine großen Entdeckungen zu verzeichnen sind, setzt Petrenko (nach einem etwas verhuschten „Rheingold“) ein deutliches Signal: So fein gezeichnet (ohne waberndes Pathos), so dynamisch und eindringlich kann - und sollte - heute ein „Ring“ klingen. Noch ist längst nicht klar, ob die Buh-Rufer bei dieser vielschichtigen Produktion das letzte Wort behalten.

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