Beängstigend real: „Ausgesetzt. Ein wildes Kind“ am Staatstheater Kassel

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Tierische Körpersprache: Peter Elter spielte Victor, das wilde Kind, beängstigend real. Foto: Klinger

Kassel. Wie ein verschrecktes Tier kauert der Junge in „Ausgesetzt. Ein wildes Kind“ in der Ecke, dem Stück, das nun am Kasseler Staatstheater Premiere hatte. Völlig verwahrlost sieht er aus. Die Haare lang und triefend verschmutzt, halb nackt. Auch die geduckte Körperhaltung und die ruhelosen Bewegungen des Kopfes erinnern eher an ein Tier denn an einen Menschen.

Vor ihm baut sich Dr. Itard auf, Chefarzt einer Anstalt für Taubstumme. Er soll mit ihm arbeiten, ihn zu einem Menschen, einem zivilisierten Menschen machen. „Kannst du mich verstehen?“, schreit er den Jungen an. Keine Reaktion. Auch nicht, als Itard in eine Pfeife bläst und einen Schuss Richtung Decke abfeuert. Der Junge, das wilde Kind, zuckt mit keiner Wimper.

Die berührende Geschichte von Victor, dem Wolfsjungen, klingt wie fantasievoll gesponnenes Autorengarn, ist aber historisch belegt. 1797 wurde er in einem Wald in Südfrankreich eingefangen. Jahrelang lebte der Junge völlig isoliert von Menschen und Zivilisation in diesem Wald.

Ein Fall, der auch die Gelehrten auf den Plan brachte: „Wird ein Mensch erst durch die Zivilisation zum guten Menschen oder verdirbt sie ihn?“, wie der Aufklärer Rousseau vertrat. In der Inszenierung von Irene Christ (Dramaturgie: Dieter Klinge), die im tif eine umjubelte Premiere feierte, gab es die Antwort: ein berührendes Bild, Victor eines Nachts auf der Fensterbank sitzen zu sehen.

Voller Sehnsucht blickt er auf den Wald, die Natur, sein Zuhause. Alle Versuche, ihn zu zivilisieren, machen aus ihm lediglich ein dressiertes Tier. Das Spiel der überzeugenden Darsteller sorgte für gelungene Kontraste. Hier der Chefarzt (Thomas Sprekelsen), der in dem Jungen mehr den Fall als den Menschen sieht. Dort die Erzieherin (Christina Weiser), die dem Jungen Geborgenheit und mütterliche Liebe gibt.

Großartig auch Matthias Fuchs, der in drei Rollen überzeugte, und Marco Faller, der Puppen den Gelehrtenstreit austragen ließ. Und der Hauptdarsteller? Ein Bravo für Peter Elter. Kilometertief fühlte er sich in die Rolle ein. Tierisch seine Körpersprache, beängstigend real seine Wutausbrüche im Wechsel mit der regungslosen Mimik eines Autisten.

Nächste Vorstellungen im Theater im Fridericianum (tif): 23. und 27. Mai. Karten: 0561/1094-222.

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