Beate Zschäpe hört U2: Der witzige Rap der Antilopen Gang

Eindeutige Handzeichen gegenüber Neonazis: Panik Panzer (von links), Koljah und Danger Dan von der Düsseldorfer HipHop-Combo Antilopen Gang. Foto: Schermer

Sie sind die erste HipHop-Band auf dem Label der Toten Hosen: Auf Ihrem Debütalbum rappt die Düsseldorfer Antilopen Gang mit Wortwitz gegen Rechts - und bekommt Ärger.

Normalerweise ist Ken Jebsen ein Anhänger der immer größer werdenden Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Fraktion in diesem Land. Der ehemalige Moderator des Berliner Jugendradios Fritz verkündet auf Montagsdemos etwa, dass an der Ukraine-Krise ausschließlich westliche Eliten schuld seien. Ansonsten schwadroniert er schon mal über „Holocaust als jüdische PR“ und den „warmen Abriss des World Trade Centers“. Bei Jebsen scheint es, als gäbe es nichts, was man nicht sagen dürfe.

Nun aber hat der 48-Jährige, der seine kruden Ansichten auf Youtube als KenFM verbreitet, der Antilopen Gang eine Abmahnung geschickt. Die drei Düsseldorfer HipHopper rappen in ihrem Hit „Beate Zschäpe hört U2“ unter anderem über „KenFM-Weltverbesserer“: „Nichts als Hetzer in deutscher Tradition - die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um.“ Der Mann, der sonst alles sagt, will nun anderen den Mund verbieten.

Das Stück ist einer der wichtigsten Songs dieses Jahres, in dem Hooligans gemeinsam mit Neonazis gegen Islamisten demonstrieren und selbst Bildungsbürger Ängste gegen Flüchtlinge schüren. Dagegen klingt der provokante HipHop von Koljah, Panik Panzer und Danger Dan wie die Stimme der Vernunft: „Und Günter Grass schreibt ein neues Gedicht - und Beate Zschäpe hört U2 / Und aus dem Jenseits lacht Jürgen Möllemann - und der Holger Apfel fällt nicht weit vom Stamm / Und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an - Deutschland, Deutschland, du tüchtiges Land.“ Klar, dass die Rapper dafür auch gehasst werden. Manche Netz-Kommentare sollte man lieber nicht lesen.

Neben dem Rechtsruck im Land geht es um die Banalität des Bösen: Bei der NSU-Terroristin Zschäpe hatten die Fahnder Alben von U2 gefunden. Die Nazis von heute hören beim Sex wohl Kuschelrock.

Die drei Mitglieder der Antilopen Gang haben neben Rap vor allem Punk gehört. Das hört man ihrem gelungenen Debütalbum „Aversion“ an, das den Wortwitz von Fettes Brot mit politischer Haltung verbindet und passenderweise bei JKP, dem Label der Toten Hosen, erscheint.

Dabei war den drei Endzwanzigern zuletzt gar nicht zum Lachen zumute. Im März 2013 nahm sich das depressive Band-Mitglied NMZS das Leben. Die Antilopen Gang, die sich nach dem Hosen-Album „Opel Gang“ benannt hat, machte auch auf Wunsch des verstorbenen Freundes weiter. Früher stellte die Band ihre Musik kostenlos ins Netz. Nun steht sie in den Charts.

Während Brutalo-Rapper wie Haftbefehl immer wieder dieselben Gangstergeschichten erzählen, sind die Antilopen doch sehr viel näher an der Lebenswirklichkeit junger Menschen. Einmal zitieren sie die Punkband Slime: „Deutschrap muss sterben, damit wir leben können.“ Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Antilopen Gang: Aversion (JKP). Wertung: vier von fünf Sternen 

Die Antilopen Gang spielt am 12. Februar im Marburger KFZ und am 12. März im Göttinger Kulturzentrum Musa.

Von Matthias Lohr

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