Die Bedeutung des Bildes: Schau im Fridericianum

Eine endlose Wiederholung: Die Künstlerin Elaine Sturtevant lässt einen Hund im Loop immer wieder durchs Obergeschoss des Fridericianums laufen. Fotos: Koch

Kassel. Die digitale Bilderflut hat unser Verständnis vom Foto verändert. Das zeigt auch die neue Ausstellung im Kasseler Fridericianum mit neun Künstlern.

Das Bild ist schon immer Ursprung und Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung. In Zeiten einer digitalen Bilderflut aber, in denen Bilder weltweit rasend schnell verfügbar sind, sie immerzu unkontrolliert verwandelt und manipuliert werden können, aber gleichzeitig strenge Urheberrechtsbestimmmngen existieren, sei eine grundsätzliche Neubestimmung vonnöten, meint Susanne Pfeffer, Leiterin im Fridericianum Kassel.

Lexikonwissen:

Das Fridericianum im Regiowiki

Das Englische kennt die Ausdrücke picture und image für Bild. „Images“ heißt die neue, anspruchsvolle, von Pfeffer eingerichtete Ausstellung im Fridericianum, die sich vor allem mit der Vorstellungskraft, der Wechselwirkung des Imaginären mit der Realität, beschäftigt. Pfeffer zeigt Kunstwerke, die die „Veränderungen in Genese, Distribution, Funktion und Auftrag des Bildes“ zum Thema haben. Bilder sind heutzutage ortlos, austauschbar, überall gleichzeitig, sagt Pfeffer. Die neun Künstler setzen ein „konzentriertes Innehalten“ dagegen, sie verlangsamen, zerlegen, frieren sie ein, formatieren sie neu, geben ihnen einen anderen Rhythmus, „treiben sie an ihre Grenzen“, wie Pfeffer sagt. Drei Positionen seien exemplarisch vorgestellt.

Pierre Huyghe 

Die Aussage „I Do Not Own Snow White“ in heller Neonröhren-Leuchtschrift begrüßt den Besucher. Wem gehört Schneewittchen? Wie eignet man sich die Welt an, was prägt die Vorstellungskraft? Märchen sind ein kollektives Gut, ihr mündliches Weitererzählen machte sie lange überhaupt erst aus. Ist die individuelle Imagination noch frei, wenn allein Walt Disneys Zeichentrickadaption die Vorstellung bestimmt?

Gemeinsam mit Philippe Paareno kaufte der Teilnehmer der documenta 13 - damals gestaltete er ein Biotop in der Karlsaue - von einer japanischen Design-Firma einen vorgefertigten Anime-Charakter. „Annlee“ reflektiert im Animationsfilm ihr Wesen als Hülle, als visuelles Produkt. Im Mittelpunkt, im zentralen Raum im Obergeschoss gegenüber der Rotunde, zeigt der Franzose eine sinnbildliche Zeichnung des Psychoanalytikers Jacques Lacan als Neonröhren-Installation: Das Reale, Symbolische und Imaginäre (RSI) bilden als ineinander verschlungene, fragile Ringe das Subjekt. Auch unser Unbewusstes ist eine brüchige Konstruktion.

Seth Price 

Das Verhältnis von Bildträger, Motiv und Reproduktion untersucht Seth Price - wenn er etwa Abbilder von Motiven aus der Höhle von Lascaux auf Plastikfolie druckt. Der 1973 in Jerusalem geborene, in den USA lebende Künstler hat im Internet verbreitete Bilder einer Enthauptung durch Dschihadisten beschnitten, bearbeitet und in roter Farbe auf transparente Buchschutzfolie gebracht, sodass sie an klassische Motive der Kunstgeschichte - Judith mit dem Kopf des Holofernes - erinnern. Ein Werk „ohne Titel“ aus Holzfurnier scheint eine Landkarte zu sein, es lassen sich auch im umgekehrten Scherenschnitt Personen wahrnehmen. Der Bildträger wird selbst zum Bild.

Cory Arcangel 

Die „Data Diaries“ des US-Künstlers, Jahrgang 1978, sind Folge eines Software-Hacks. Löscht man die Hauptdaten einer mov-Datei, beginnt das Videoprogramm QuickTime Informationen aus dem Arbeitsspeicher des Computers als Videodateien zu interpretieren. So wie jede Bildinformation (Farbe, Bewegung, Position) ein Code ist, ist umgekehrt jede Datenverarbeitung, jede digitale Spur ein potenzielles Bild: Es entsteht ein abstraktes Rauschen der Pixel.

Das Spiel „Super Mario“ von 1985 hat Arcangel so gehackt und modifiziert, dass nur noch der blaue Himmel bleibt. Ruckartig ziehen bloß ein paar Wolken vorüber. Ein veraltetes Design, das man im bunten Flimmern und angesichts der lauten Sounds beinahe nostalgisch betrachtet.

Außerdem sind Werke von Trisha Donnelly, Wade Guyton, Mark Leckey, Michel Majerus, Philippe Parreno und Elaine Sturtevant zu sehen.

Die Ausstellung „Images“ ist bis zum 1. Mai geöffnet: Di - So 11-18 Uhr. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Mittwochs Eintritt frei. Für Kinder bis 12 Jahre Eintritt frei. Infos: Tel. 0561/7072720, www.fridericianum.org

Kontakt für Führungen (auch fremdsprachig), Workshops, Kunstwerkstätten und Kindergeburtstage: Juliane Gallo, jg@fridericianum.org

Regelmäßiges Programm: 

• Dienstags 15 Uhr Führung für Senioren

• Mittwochs 15 Uhr Themenführung, 17 Uhr analog - digital, dialogische Führung

• Donnerstags 15 Uhr: Was ist ein Bild?

• Freitags 17 Uhr: Führung

• Samstags 11-13 Uhr Kunstwerkstatt für Kinder mit Katrin Leitner, 15 Uhr Führung

• Sonntags 12 Uhr Führung, 15 Uhr Familienworkshop

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