Bedrückend: Max Frischs „Berliner Journal“

Großartige Porträtskizzen, Neugier auf die DDR: Max Frisch. Foto: dpa

Auf manchen Seiten viel weißer Raum. Das ist der erste Eindruck, wenn man Max Frischs Tagebuch-Aufzeichnungen aufschlägt, die am Montag unter dem Titel „Aus dem Berliner Journal“ erscheinen werden. Aber sobald man liest, ist er sofort wieder da, dieser soghafte, unverwechselbare Frisch-Sound: knapp, skizzenhaft, vieles angedeutet, oft nur Stichworte, aber eben überaus pointiert, auf den Punkt genau.

Ein faszinierender Zeitsprung in die 70er-Jahre, in das eingemauerte Westberlin, beginnt. Und eine streckenweise deprimierende Lektüre.

1973 ziehen Max und Marianne Frisch nach Berlin, der Schriftsteller braucht Abstand aus Zürich, einen Neuanfang, auch kämpft er mit seiner Alkoholsucht. „Übernahme der Wohnung (Sarrazin Strasse 8) und Abend bei Grass. Nieren.“ So lautet am 6. Februar der erste Eintrag. Alltag beginnt, die Wohnung wird eingerichtet, Frisch schaut DDR-Fernsehen („paradoxerweise erinnert ihre öde Simplifikation an die Nazi-Zeit“).

Es ist bald bitter zu lesen, wie Frisch kein Thema für eine größere Arbeit findet, an sich zweifelt („es gelingt mir fast gar nichts“, „alles unbrauchbar“). Er sieht sich als Wärter in einem Leuchtturm, der nicht mehr in Betrieb ist: „Er notiert sich die durchfahrenden Schiffe, da er nicht weiss, was er sonst tun soll.“ Und gesteht sich ein: „Ich habe mir mein Leben verschwiegen.“ Genervt ist er von einem Kinderbesuch, „das Bewusstsein, allem nicht mehr gewachsen zu sein“. Er ringt mit der Erwartungshaltung, dem „Popanz der Öffentlichkeit“: „Watergate. Aber was geht es mich an?“

Die meisten Passagen sind weniger literarisch gestaltet und ausgeformt, weniger kunstvoll, als in Frischs berühmten Tagebüchern 1946 - 1949 und 1966 - 1971, mit denen er eine eigene Gattung begründete. In dieser Unmittelbarkeit liegt aber auch ein großer Reiz. Und in zwei Aspekten sind Frischs Aufzeichnungen brillant.

Da sind die packenden Porträts von Freunden. In wenigen Sätzen, unbestechlich und genau, charakterisiert Frisch Autoren wie Alfred Andersch (seinen Nachbarn in Berzona im Tessin), Hans Magnus Enzensberger („er bleibt an seinen Irrtümern nicht kleben, sie lassen ihn frei“), Günter Kunert, Christa Wolf oder Jurek Becker. Wenig schmeichelhaft ist eine Skizze zu Günter Grass’ „Hang zur Publizität“. Keine Woche ohne „Hirtenbriefe“, Verlautbarungen, Proklamationen, notiert Frisch, „sein Israel und ICH“. „Der Ehrgeiz, in der Zeitung auf der ersten Seite (Politik) zu erscheinen neben Henry Kissinger, Franz Josef Strauss, Dayan etc.“ „GERMANY’S GÜNTER GRASS“. Frisch fragt, wer ihm das beibringen könne: „Wie heilt man ihn?“

Dagegen steht große Nähe zu Uwe Johnson. Die Freunde bleiben beim Sie: „eine Herzlichkeit, die nie hemdärmlig wird“, „es erlaubt und sichert eine besondere Art von Zuneigung, Vertrauen ohne Zutraulichkeiten“. Johnson schildert er aber auch als gefährlich unbarmherzig, unerbittlich, empfindsam, rigoros und apodiktisch, ein Puritaner und Detektiv, „wie ein Staatsanwalt beim Verhör“, mit einer „Art von Heimweh-Hass“ im Hinblick auf die DDR.

Großartig ist zweitens, wie aufmerksam und offen sich Frisch, der durchaus sein „Einverständnis mit der Zielsetzung des Sozialismus“ bekundet, auf die DDR einlässt, feinfühlig und neugierig registriert, was er als Gast der Leipziger Buchmesse, bei Verhandlungen über eine Veröffentlichung in der DDR, bei einer Lesung des Schriftstellerverbandes beobachtet: viel Unsicherheit, Duckmäusertum, „die Angst hängt an den Funktionären, das Zittern der Opportunisten jeden Ranges“, „eine andere Repression als bei uns“, „die Kontrolle hat nicht die Basis, sondern Moskau“.

Er empfindet wie ein Zuhörer an einem Krankenbett oder wie in einer Werkstatt, sieht „Bürokratismus mit sozialistischer Phraseologie, Staatskapitalismus ohne die mindeste Mitbestimmung von der Basis her“. Was er nicht sieht: die Romantik der westdeutschen Linken: „Noch der Witz geht immer um Existenz.“

Eisiges Verstummen, sobald im Ostteil der Stadt der Name Wolf Biermann fällt. Hellsichtig und sympathisch seine Schilderung des Liedermachers („der erste Kommunist“), dem vor allem der Protest Gewicht gebe: „Wenn er in den Westen übersiedelte (was den DDR-Behörden so passen möchte), gäbe es keinen Wolf Biermann mehr für alle Zeit.“

Ein starker Text ist Frischs Schilderung Zürichs, von einer Mauer zerschnitten. Der Schriftsteller probiert gewissermaßen, wie das wäre, „eine Ungeheuerlichkeit“, aber: „Es gibt diese Mauer nun einmal.“ Das Leben hat sich eingespielt, „was soll man noch sagen“. „Es ändert ja nichts an der Mauer, wenn unsere ausländischen Gäste sie einfach grotesk finden.“

Sehr fern ist all das, 40 Jahre später, wo die Mauer längst gefallen ist, und doch noch reine Gegenwart. Am 23. Mai 1973 sieht Max Frisch den Heiner-Carow-Defa-Spielfilm „Die Legende von Paul und Paula“. Er findet ihn „lausig, traurig als Symptom einer Frustration, deren Wunschtraum noch Mief produziert.“ Winfried Glatzeder, der Paul aus dem Film, ist am Freitag ins RTL-Dschungelcamp eingezogen.

Das Berliner Journal

Dass in einem Zürcher Safe ein „Berliner Journal“ lag, wusste man. Sperrfrist 20 Jahre nach dem Tod, bis 2011: „ein durchgeschriebenes Buch“, hatte Frisch Uwe Johnson anvertraut, „auch die privaten Sachen sind ins Reine geschrieben, ausformuliert, nicht einfach nur Notizen.“ Frisch: „Das Ganze ist eine Einheit (...) ich kann da nicht einfach einen Teil herauslösen.“ Frisch-Experten wie der FAZ-Redakteur Volker Weidermann haben deshalb den Stiftungsrat der Frisch-Stiftung kritisiert, weil dieser aus dem vorgefundenen Konvolut von fünf Ringbüchern nur zwei freigegeben hat. Was Herausgeber Thomas Strässle publiziert, sind zudem nur Auszüge, oft durch Auslassungszeichen unterbrochen, von Februar 1973 bis zu Frischs Aufbruch nach New York im März 1974. Dort wird er mit Alice Locke-Carey ein Wochenende verbringen, wovon er in „Montauk“ erzählt. „Die späteren Hefte befassen sich nur noch mit Marianne“, seiner Frau, hatte Frisch angekündigt. Sie lebt noch in derselben Wohnung in Berlin-Friedenau. Die ums Privatleben kreisenden Hefte 3 bis 5 (1974 bis ’80) wurden zurückzuhalten. „Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen kann und soll diese private Chronik nicht veröffentlicht werden“, heißt es im Nachwort.

Von Mark-Christian von Busse

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