Zwei unterschiedliche Halbzeiten beim Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters

Beethoven gegen den Strich

Sayaka Shoji spielte Beethovens Violinkonzert mit vornehmer Zurückhaltung, Marco Comin dirigierte. Foto:  Malmus

Kassel. Schon vor Jahren haben Musikforscher anhand von Metronomangaben nachgewiesen, dass Beethovens Kompositionen eigentlich viel schneller gespielt werden müssten, als dies üblicherweise geschieht. Inzwischen hat sich diese (nicht unumstrittene) Sicht zumindest der Tendenz nach durchgesetzt.

Die japanische Geigerin Sayaka Shoji ist da offenbar völlig anderer Meinung. Beim Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters in der ausverkauften Stadthalle spielte die 26-Jährige Beethovens berühmtes Violinkonzert D-Dur op. 61 in derart gedehnten Tempi, dass die Musik vor allem im langsamen zweiten Satz mitunter fast zum Stillstand kam.

Bei einer Geigerin, die den Paganini-Wettbewerb gewonnen hat, hat dies nichts mit Spieltechnik zu tun, sondern es ist künstlerische Absicht. Aber warum? Gelegenheit, den wirklich luxuriös farbenreichen Ton ihrer Stradivari vorzuführen, bot ihr das Beethoven-Konzert ohnehin genügend. So aber buchstabierte sich Sayka Shoji förmlich durch den ausladenden ersten Satz. Kein Wunder, dass es dem Dirigenten Marco Comin schwerfiel, überhaupt ein festes Tempo zu etablieren. Dass dabei die Bläser ihre Haltetöne forcierten, die Streicher dagegen dynamisch zurückgenommen agierten, trug zum ungewöhnlichen Klangeindruck bei.

Dem Larghetto trieb die Geigerin fast jeden rhythmischen Impuls aus, und auch das beschwingte Schlussrondo ließ, derart gemächlich gespielt, Beethoven’schen Elan vermissen. Den etwas verhaltenen, aber lang andauernden Beifall beantwortete Sayaka Shoji mit dem Largo aus Bachs C-Dur-Sonate.

Wie verwandelt agierte das Staatsorchester unter der Leitung seines Ersten Kapellmeisters nach der Pause bei Robert Schumanns (1810-1856) zweiter Sinfonie (ebenfalls op. 61). Es ist wohl eines der düstersten Werke, das in der eigentlich strahlenden Tonart C-Dur komponiert wurde. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde diese Sinfonie schlecht geredet. Dabei gehört das Adagio zu den intensivsten langsamen Sätzen vor Gustav Mahler.

Dass Comin dieses Werk an den Anfang der Gesamtaufführung aller vier Schumann-Sinfonien im Jubiläumsjahr 2010 setzte, hatte Signalcharakter. Musikalisch war es eine Interpretation aus einem Guss. Auf die tastende Einleitung mit dem charakteristischen Quint-Motiv folgte fugenlos der energiereiche, plastisch phrasierte und gut ausgeleuchtete Kopfsatz. Im Scherzo, einem Prunkstück an Orchestervirtuosität, gelangen wunderbare Übergänge in die ruhevolleren Trio-Teile, und das Adagio verlor bei aller melodischen Intensität nie die treibende Bewegung.

Das auftrumpfende Finale ließ Comin dynamisch fein gestuft musizieren. Vor der etwas lärmenden Schlusssteigerung gab es schöne Ruhepunkte in Form der zarten Holzbläser- und Streicherepisoden.

Heftiger Beifall für diesen Schumann-Auftakt, der Lust auf mehr machte.

Von Werner Fritsch

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