Beethovens „Fidelio“ als emotionale Kraftmaschine

+
Moment der Ratlosigkeit vor der großen Konfrontation: (von links) Marzelline (Nina Bernsteiner), Jaquino (Musa Nkuna), Don Pizarro (Espen Fegran), Fidelio (Kelly Cae Hogan) und Rocco (Krzysztof Borysiewicz).

Kassel. Wer wird gerettet in Ludwig van Beethovens einziger Oper „Fidelio“? Natürlich Florestan, der vom Finsterling Don Pizarro eingekerkert wurde. Doch Leonore rettet, als Fidelio verkleidet, nicht nur ihren Ehemann, sondern stellvertretend die ganze Menschheit.

Deshalb ist der Jubel, wenn am Ende alle gemeinsam den Sieg des Guten und die Gattenliebe preisen, so entfesselt wie nur noch einmal bei Beethoven: im Finale der neunten Sinfonie. Ohne Rücksicht auf Singbarkeit werden die Menschheitsideale hier wie dort mit Macht beschworen.

Im „Fidelio“ bricht Beethoven deutlich mit der klassizistischen Konvention und sucht den Aufbruch zu Neuem. Und das vermittelt auf faszinierende Weise die Kasseler Neuproduktion, die bei der Premiere im Opernhaus heftig gefeiert wurde. Yoel Gamzou, der 25-jährige neue Erste Kapellmeister am Staatstheater, stellt sich nicht in irgendeine Aufführungstradition, sondern nimmt die Impulse dieser Musik auf individuelle und sehr direkte Weise auf. Ein über weite Strecken fesselndes und berührendes Hörerlebnis

Vieles im „Fidelio“ hat man so noch nicht gehört: Etwa das Quartett „Mir ist so wunderbar“ mit Leonores erstem Auftritt, das hier wie aus dem Nichts einsetzt und sich mit jeder hinzutretenden Stimme verdichtet und beschleunigt.

Gamzous sehr freier Umgang mit Tempo und Dynamik dient der präzisen Zeichnung der Charaktere. Allen voran Kelly Cae Hogans grandioser Verkörperung der Doppelfigur Fidelio/Leonore. Toll, wie kraftvoll und souverän, gleichzeitig nuanciert und lebendig sie agiert. Und ein großer Moment, wie sie im Rezitativ mit Arie „Abscheulicher, wo eilst du hin“ Leonores zunehmende Selbstgewissheit ausstrahlt - samt gehörigem Herzklopfen aus dem Orchestergraben.

Todgeweiht im Kerker: Florestan (Johannes An).

Nicht weniger beeindruckend ist die Kerkerszene Florestans „O Gott! Welch Dunkel hier!“. Johannes An gestaltet dieses Psychogramm eines Leidenden mit Bravour, und Yoel Gamzou macht mit dem Orchester daraus eine zum Bersten gespannte Szene. Wie sinnfällig im „Fidelio“ alle Figuren ausgeformt sind, zeigen auf beeindruckende Weise Krzysztof Borysiewicz als menschlicher Kerkermeister Rocco, Nina Bernsteiner als dessen selbstbewusste Tochter Marzelline, Musa Nkura als liebenswerter Jaquino und Marc-Olivier Oetterli als begütigender Minister. Weniger greifbar bleibt Espen Fegran als Don Pizarro trotz einer stark gesungenen Arie „Ha! Welch ein Augenblick“. Der äußerst differenziert agierende Chor rundet die feine Ensembleleistung ab.

Elmar Gehlen (Regie und Bühne) lässt das Rettungsdrama in einem modernen, videoüberwachten Betonknast spielen, die Hauptfiguren (Kostüme: Martina Feldmann) agieren auf einem Podest, unter dem sich Florestans Kerker verbirgt. Videoeinspielungen zeigen beim Freigang der Häftlinge einen blauen Himmel und ganz am Ende einen einstürzenden Nazi-Palast. Nicht ganz schlüssig, wo doch Don Pizarro als Mann von heute seine Intrigen mit dem Handy spinnt.

Ansonsten verzichtet Gehlen auf jeden symbolischen Schnickschnack. Er zeichnet die Figuren klar, und man weiß stets, woran man ist. Die Inszenierung ist bis ins Detail ausgeformt und enthält nette kleine Gags, etwa wenn Rocco dem angewiderten Fidelio Schnaps in den Kaffee gießt.

Doch angesichts der gewaltigen Emotionen, die musikalisch bewegt werden, wirkt die Bühnenhandlung zu statisch und unterkühlt. Ein Ereignis ist dieser „Fidelio“ für die Ohren, nicht für die Augen.

Wieder am 29.9. sowie am 2. und 13.10. Karten: Tel. 0561/ 1094-222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.