Dirigent Yoel Gamzou begeisterte beim Konzert in Kassel

Begabt wie ein Genie

Er sorgte für Gänsehaut-Faktor: Dirigent Yoel Gamzou mit dem Kasseler Staatsorchester beim Auftritt im Opernhaus. Foto: Fischer

KASSEL. Wer kennt nicht Schuberts h-Moll-Sinfonie, die „Unvollendete“? Dass ein bekanntes Werk neu und aufregend wirken kann, zeigte das Sonntagskonzert des Staatstheaters Kassel im ausverkauften Opernhaus. Dafür musste freilich ein genialisch begabter Dirigent am Pult stehen: Yoel Gamzou, der neue Erste Kapellmeister.

Der 25-Jährige spitzte Schuberts Affektsprache mit ungeheurem Furor zu - sowohl in der Dynamik als auch in den Tempi. Heute gilt geradliniges, „straightes“ Musizieren vielfach als Maß aller Dinge, deshalb erschien dieser Ansatz umso individueller. Dabei kann er sich auf große Vorbilder berufen, denn auch Gamzous Idol Gustav Mahler soll als Dirigent eine flexible Tempogestaltung und eine heftige Gestik favorisiert haben.

Kompakt, ohne unpräzise Aufweichung, war der Klang des Staatsorchesters Kassel, das sich vom jungen Maestro gern fordern ließ. Als erschütterndster Schubert-Moment mit dem sprichwörtlichen Gänsehaut-Faktor prägte sich die Mitte des ersten Satzes ein - das unheilvoll anschleichende Motiv der tiefen Streicher, das gärende Crescendo, die schaurigen Schreckensakzente, das ganz große Pathos.

Vor Schubert zeigte Gamzou seinen kontrastreichen Stil bei Mendelssohns „Meeresstille und glückliche Fahrt“, während in der zweiten Konzerthälfte dann die unterhaltenden Töne vorherrschten. Überlegen und mit klarem Anschlag spielte der Pianist Elisha Abas den Klavierpart in Gershwins „Rhapsody in Blue“ - ebenso apart die Soli aus dem Orchester, beginnend mit dem jazzigen Glissando der Klarinettistin Sabine Neher.

Als turbulentes amerikanisches Schmankerl erwies sich die Uraufführung von „The Five Minute Orchestra Extravaganza“ des anwesenden, jungen Komponisten Marshall McDaniel. Danach hatte Gamzou noch eine Überraschung parat, denn bei Ravels „Bolero“ verzichtete er fast vollständig auf das Dirigieren - die fulminante Steigerung gelang dem blendend aufgelegten Orchester auch so. Riesenbeifall: Knapp tausend Zuhörer waren von diesem Konzert schlichtweg euphorisiert.

Von Georg Pepl

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