Rasante neue Produktion des Flinn-Theaters: „Das A-Casting“ befasst sich mit ethnischen Klischees

Begegnung mit den eigenen Vorurteilen

Er gibt den Ureinwohner: Toks Körner (von links) mit Lisa Stepf und Javeh Asefdjah vom Flinn-Theater. Foto:  Schoelzchen

Kassel. Klischees überall. Es dauerte nur Minuten, schon ertappten sich die Zuschauer selbst. Javeh Asefdjah, Lisa Stepf und Toks Körner vom Flinn-Theater spielen in ihrem neuen Stück „Das A-Casting - ein volksdramatischer Weißabgleich“ durch, wie fest die Vorurteile in unseren Köpfen sitzen - auch der zahlreichen kulturinteressierten Theaterbesucher, die am Donnerstag zur Premiere ins Dock 4 gekommen waren.

Und das ging ganz schnell. Minimale biografische Angaben reichten, um einen Menschen mit anderen Augen zu sehen. Toks Körner mit nigerianischen Wurzeln zum Beispiel schlüpfte einmal in die Rolle eines neuseeländischen Maori und markierte mit viel Augenrollen den Ureinwohner. Um Sekunden später mit Pariser Akzent als algerisch-französischer Künstler den Bohèmien zu geben. Lisa Stepf war die russische Einwanderin und die spießige Musikschullehrerin, die in Iran geborene Javeh Asefdjah eine persische Seminartrainerin oder eine Kieztussi mit Ghettoslang.

Mit den Mitteln des Improvisationstheaters gestalteten die drei Darsteller auf leerer Spielfläche mit wenigen Accessoires ihre kulturelle Nagelprobe (Regie: Sophia Stepf). Zu der rasanten Folge kurzer Szenen gehörte eine „Tatort“-Folge mit einer Migranten-Kommissarin, die prompt einen sogenannten Ehrenmord aufklärte. Es gab Blicke in Schauspiel-Castings, bei denen deutlich wurde, dass in Deutschland Menschen mit ethnisch-abweichendem Aussehen beruflich eingeschränkt sind. Ein dunkelhäutiger Hamlet? Ein orientalisches Gretchen? Kaum denkbar. Und parallel wurde herausgearbeitet, dass so ein Casting symbolisch für eine generelle Haltung unserer Gesellschaft steht. Denn die Zuschauer ertappten sich prompt beim Kichern, als Toks Körner postulierte, er wolle Kasseler Oberbürgermeister werden.

Das Flinn-Theater lässt Texte von jungen Autoren schreiben und erarbeitet aus diesem Material dann seine Szenen. Für dieses mit viel Applaus bedachte Projekt unter anderem Irawati Karnik und Ajay Krishnan aus Mumbai.

Dazu gab es indische Musik und eine schräge zweite Strophe des Deutschlandlieds („deutscher Wein und deutscher Sang“), eine fulminante Hitler-Parodie, bei der immer ein Darsteller den Text sprach, den ein anderer pantomimisch darstellte. Es wurde nach Indien gereist (was man daran erkannte, dass der Boden voller Papierschnipseln lag), wo die drei Schauspieler karrieremäßig Fuß fassen wollten, aber auf dieselben Vorurteile stießen: Der Dunkelhäutige sollte Schurke sein, die Blonde sich ausziehen und die Orientalin wurde in Opferrollen gesteckt.

Wieder heute, 25., 30.9., 1. und 2.10., Dock 4.

Von Bettina Fraschke

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