Neu im Kino: „Untergang“-Regisseur Oliver Hirschbiegel mit „Five Minutes of Heaven“

Begegnung unter Feinden

Die Verzweiflung wird mühsam kaschiert: Liam Neeson als Mörder Alistair. Foto:  nh

Einen Moment lang schaut der Mörder dem kleinen Joe in die Augen. Gerade hat der Junge den Fußball an die Hauswand gekickt. Und der 17-jährige Alistair hat im gestohlenen Auto die Pistole hervorgeholt. Ihre Begegnung auf dem Gehsteig dauert nur Sekunden. Dann drückt Alistair ab und erschießt Joes großen Bruder durchs Fenster. Warum? Er ist Katholik. Alistair ist Protestant und einer von jenen Halbwüchsigen, für die Erwachsenwerden im Nordirland der 70er-Jahre am erfolgreichsten gelingt, wenn man einen umlegt.

Das psychologische Polit-Drama „Five Minutes of Heaven“ fragt ob Aussöhnung eigentlich möglich ist, drei Jahrzehnte nach den blutigen Ausschreitungen? Der Film erkundet diese Frage am Schicksal dieses Mörders und des Bruders seines Opfers.

Es brodelt im Inneren

Nach der Rückblende springt der Film in die Gegenwart, gut 30 Jahre nach der Tat. Alistair ist erfolgreich als Krisenberater. Er hat den Mord verbüßt und sich beruflich spezialisiert auf die Beratung von Tätern und Opfern. Joe hingegen kann nicht verzeihen. Er hat zwar Familie, doch in ihm brodelt es gefährlich. Jahrelang hat seine Mutter ihm eingebläut, er selbst habe praktisch seinen Bruder umgebracht, weil er als Junge den Mörder nicht gestoppt habe. Ein Trauma.

Friedensprozess hin oder her - wie können sich solche Menschen aussöhnen? Wie können sie einander überhaupt in die Augen blicken? Die Hand geben? Drehbuchautor Guy Hibbert hat dazu ein Experiment erdacht, das in der Regie von Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) zum großen Kino wird: Er hat mit dem echten Alistair und dem echten Joe gesprochen und mit ihnen fiktiv eine mögliche Begegnung erarbeitet.

Im echten Leben haben sie sich nie getroffen. Im Film will nun eine Fernsehshow die Versöhnung inszenieren und führt die beiden auf einen eleganten Landsitz.

Mit großer psychologischer Genauigkeit baut Hirschbiegel nun Schritt für Schritt Hochspannung auf. Beide fahren zum Treff, werden von den Fernsehleuten mit süßen Worten umsorgt, wo doch die Angst und Anspannung sie innerlich fast zerreißen. Tief dringt Hirschbiegel ins Innere der Figuren. Denn Joe ist wild entschlossen, Alistair zu töten, um auch seine „Fünf Minuten im Himmel“ zu erleben. Und Alistairs souveräne Fassade wird höchst brüchig. Dass Hirschbiegel mit zwei großartigen Schauspielern wie James Nesbitt als Joe und Liam Neeson („Schindlers Liste“) als Alistair arbeiten kann, ist ein Geschenk.

Die Begegnung klappt nicht, und die beiden, die genau wissen, dass ihre Leben untrennbar aufeinander bezogen sind, arrangieren auf eigene Faust etwas ganz anderes - ohne Kameras. Ein Spiel auf Leben und Tod.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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