In mehr als 80 Stationen um die Erde: Ein neues Kulturquartier in Köln

Begegnung mit der Welt

Maske aus Zentralafrika, spätes 19./ frühes 20. Jh.

Köln. Wo nach 15 Jahren Pleiten, Pech und Pannen ein Museum eröffnet wird, darf man sich freuen. Dass die Realität verklärt wird, mag verständlich sein, ist aber wenig hilfreich, wenn Erwartungen geweckt werden, die nicht einzulösen sind.

Was man in Kölner Medien über das 80 Mio. Euro teure Kulturquartier am Neumarkt erfahren konnte, war dem Wunsch geschuldet, den negativen kulturpolitischen Schlagzeilen der jüngsten Vergangenheit Positives entgegenzusetzen. Superlativisch wird das neue Haus - ein Gebäude - hochgejazzt, der vermessene Vergleich mit der Berliner Museumsinsel gewagt.

Tatsächlich hat in einem Viertel, das von einem Kulturquartier sehr weit entfernt ist, neben zwei romanischen Kirchen ein funktionaler, dreiteiliger Kasten, unspektakulär eingefasst von gebrannten Ziegeln und wenigen Fensterflächen, Stellung bezogen. Ein Blickfang sieht anders aus. Hier setzt das Rautenstrauch-Joest-Museum, ein Haus für die „Kulturen der Welt“, seine ausgezeichnete Sammlung in gänzlich neuer Weise in Szene.

Unter dem Titel „Der Mensch in seinen Welten“ wird der Besucher zu einer ungewöhnlichen, auch gewöhnungsbedürftigen Entdeckungsreise eingeladen. Er besucht nicht bestimmte Kontinente, Länder oder Völker, sondern wird nach Themen durch weithin unbekannte Welten geführt.

Das Museum, das das legendäre „Kölner Loch“ gestopft hat, das nach dem immer noch ersatzlosen Abriss der Kunsthalle und zwischenzeitlicher Geldknappheit entstanden war, hat seine Schätze in einer beeindruckenden Szenografie aufgeboten - mit allem, was multimedial dazugehört. Doch die gut gemeinte Offensive auf Geist und Sinne überfordert bisweilen, ein roter Faden wird nicht durchgängig geknüpft. Wer sich umfassend beeindrucken und informieren lassen möchte, sollte mindestens einen halben Tag einplanen.

Über die Vielfalt des Glaubens, rituelle Praxis und diverse Arten, mit Sterben und Tod umzugehen, wird aufgeklärt. Mehrere Wohnformen werden veranschaulicht und der Körper als Bühne unterschiedlichster Selbstdarstellungsformen sichtbar. Besonderes Augenmerk gilt der Analyse von Klischees und Vorurteilen gegenüber dem „Fremden“ sowie den Sammlungs- und Archivierungsaktivitäten des Museums selbst.

Vom monumentalen Lichthof, wo der sieben Meter hohe Reisspeicher aus Indonesien gegenüber von Kasse und Café seinen Platz gefunden hat, gelangt man in ein zweites Haus, das Museum Schnütgen (siehe Extra-Artikel). Zwei überregional bedeutende Traditionshäuser mit breiteren Präsentationen - Grund genug, der Domstadt einen Besuch abzustatten, auch wenn die Spree noch nicht durch Köln fließt.

Kulturquartier: Cäcilienstraße 29-33, www.museenkoeln.de Rautenstrauch-Joest-Museum: 0221/221-31356, Katalog 29,50 Euro. Museum Schnütgen: Tel. 0221/221-22310. Zurzeit wird die Schau „Afropolis“ gezeigt, die sich mit afrikanischen Mega-Citys beschäftigt (bis 13. März 2011).

Von Ulrich Traub

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