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Beglückende Momente mit Bachs h-Moll-Messe

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Grandios: Die Kantorei St. Martin mit der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach.
Grandios: Die Kantorei St. Martin mit der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. © Dieter SChachtschneider

Die Kantorei St. Martin schlug mit der h-Moll-Messe in den Bach-Bann - Warum Zuhörer beim fulminanen Konzert eine höhere Macht spürten.

Kassel – Die meisten Mitmenschen gehen achtlos an der kleinen Tafel vorbei. Sie wurde auf der Westseite der Martinskirche in das Gemäuer eingelassen. Darauf lesen wir: Johann Sebastian Bach spielte hier die Orgel am 28. September des Jahres 1732. Lange her. Lässt sich daraus eine Bach-Tradition ableiten? Mit Sicherheit nicht. Bach verdiente damals sein Geld als reisender Orgel-Tester. Er wird Kassel schnell vergessen haben. Aber die Kantorei St. Martin hat Bach nicht vergessen. Unter dem Kirchenmusikdirektor Eckhard Manz wird natürlich der große Komponist geehrt, gefeiert und zum Leben erweckt.

Das größte Werk, mit dem man Bach huldigen kann? Da gibt es keine Fragen: Die Matthäus-Passion steht hier gleich neben der Messe in h-moll. Und genau an diese wagte sich Manz am Freitag in der Martinskirche. Erstaunlich der Andrang, Schiff und Ränge waren vollbesetzt, an den Eingängen bildeten sich Schlangen. Das spricht für den Bach-Hunger der Nordhessen und die Erwartung, dass an diesem Abend etwas Besonderes geschehen könnte. Und tatsächlich: Nach runden zwei Stunden konnte man sagen, dass dies eine Versammlung beglückender Momente war.

Für den Dirigenten ist die Herausforderung immens. Wie viele Musiker sollten im Orchester sitzen? Manz entschied sich für eine überaus kompakte Aufstellung. Das Orchester St. Martin Barock agierte in einer eher kammermusikalischen Besetzung. Nur ein Bass beispielsweise, gestrichen wurde mit den alten Barock-Bögen, die Flötistinnen spielten im Stehen. Alles war auf Agilität getrimmt. Ein guter Ansatz. Sonst wird die h-moll-Messe zu schwer, zu lastend, zu wenig durchhörbar. Die zweite Herausforderung: Auf welcher Basis spielen wir? Manz entschied sich für eine Stimmung in 415 Hertz. Auch das schafft Bodenbindung. Jetzt das schwerste Pfund: Wie die Partitur in einen Gesamteindruck bringen? Denn Bach hat seine h-moll-Messe nicht etwa frisch in einem Zug geschrieben, sondern Stückwerk betrieben. Faktisch kopierte sich der Meister selbst, arrangierte neu, schuf aber auch passgenaue Kompositionen, die das Werk zusammenhalten sollten. Ein Mix aus Ökonomie und Genie.

Was die Messe so reizvoll macht – wir hören den kompletten Bach durch alle seine Lebensphasen. Das ist allen Beteiligten schlicht grandios gelungen. Allen voran der Kantorei St. Martin. Das war perfekt in der Intonation, stark auch die Konzentration auf die Atem- und Sinn-Phrasen. Unter den vier Solisten (Sopran: Fiona Luisa, Altus: William Shelton, Tenor: Daniel J. Tilch und Bass: Hansung Yoo) einen hervorzuheben wäre ungerecht, das Quartett war für den Anlass und den Raum perfekt. Aber das „Agnus Dei“ von Shelton als Altus – wer sich da nicht ans Herz gegriffen hat, der hatte keines. Da spürte man eine höhere Macht. Wie sagte Nietzsche: „Bei Bach ist uns, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt erschuf.“

Von Andreas Günther

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