Kunst-Rückblick 2011: Der inhaftierte Chinese Ai Weiwei wird zur Symbolfigur - Fälscherprozess in Köln

Beharrlich für die Freiheit

Aus der Haft entlassen: Ai Weiwei teilt Journalisten am 23. Juni vor seinem Haus in Peking mit, dass er nicht mit ihnen reden darf. Der Schriftzug auf seinem T-Shirt ist da natürlich ein subtiles Statement, das für sich spricht: Der Künstler gibt nicht auf. Foto: picture-alliance

Zwei Tage, nachdem Außenminister Guido Westerwelle in Peking die deutsche Schau „Die Kunst der Aufklärung“ eröffnet hatte, wird Ai Weiwei, 2007 Star der documenta 12, festgenommen. Nach 81 Tagen, in denen der Verbleib des Künstlers so unklar bleibt wie die Vorwürfe gegen ihn, wird der Träger des Kasseler Bürgerpreises Glas der Vernunft 2010 in Hausarrest entlassen.

Über das Verhalten der Behörden (die zuvor sein Atelier in Schanghai abreißen ließen) darf der 54-Jährige sich nicht äußern. Er tut es doch - und schafft eine Öffentlichkeit, an der es im Westen unbekannten Regimegegnern mangelt.

„Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind“, mit dieser Äußerung stößt der Dresdner Museums-chef Martin Roth (inzwischen Leiter des Victoria & Albert Museums in London) eine erbitterte Debatte über die deutsche Haltung zu Chinas Oppositionellen an. Selbst der inhaftierte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo erfährt weniger Solidarität. Ob Ai Weiwei, der beharrlich auf den Freiheitsrechten des Einzelnen besteht und zur Symbolfigur wird, diese Aufmerksamkeit auf Dauer hilft?

Widerlegt ist jedenfalls das Vorurteil, der Künstler würde in seiner Heimat nicht wahrgenommen. Umgerechnet 1,7 Mio. Euro Steuern soll Ai nachzahlen. Zu Tausenden schicken Anhänger Geld, damit er diese Schuld begleichen kann.

DIE KUNSTFÄLSCHER

Im Schnellverfahren ist der Prozess im größten Fälschungsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte beendet, das milde Urteil rechtskräftig. Misstrauen und Verunsicherung werden auf dem blamierten Kunstmarkt lange nachwirken.

Zu Haftstrafen zwischen knapp zwei und sechs Jahren wird in Köln ein Fälscher-Quartett um Ex-Hippie Wolfgang Beltracchi (61) verurteilt. Die Geständnisse ersparen peinliche Befragungen der 168 benannten Zeugen. Der Stoff ist filmreif: Die Fälscher haben jahrelang - „absurd einfach“, so Beltracchi, und dort „wo die Gier am größten ist“ - über renommierte Gutachter wie Kunsthistoriker Werner Spies und weltbekannte Galerien und Auktionshäuser mindestens 53 angeblich verschollene Meisterwerke von Avantgarde-Künstlern wie Pechstein und Max Ernst aus frei erfundenen Kunstsammlungen in den Markt geschleust. Über ein ausgeklügeltes Verschleierungssystem mit 30 Konten verdienten sie mindestens 16 Mio. Euro. Auch Schauspieler Steve Martin kaufte für 700 000 Euro einen falschen Campendonk.

An den Fälschungen selbst ist das Interesse groß - der Freiburger Kunstverein will sie am liebsten ausstellen. Der Bundesverband Deutscher Kunstversteigerer zeigt sie in der Datenbank kritischer Werke (www.kunstversteigerer.de). Für dessen Präsident Markus Eisenbeis bleibt Kunst eine sichere Anlage: Gerhard Richter (von dem 2011 acht Gemälde für 54 Mio. Euro versteigert werden) sei „eine Ersatzwährung geworden“. Der Markt giere nach Ware, viele Sammler jedoch behielten ihre Bilder, weil sie gar nicht wüssten, wie sie ihr Kapital anderweitig anlegen sollten.

Ein Skandal droht auch dem New Yorker Kunstmarkt, wo ein Dutzend fragwürdiger, weil bislang unbekannter Werke etwa von Jackson Pollock und Mark Rothko für Millionen-Beträge verkauft wurde.

Von Mark-Christian von Busse

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