Rundgang: Ateliers und Werkstätten der Kasseler Kunsthochschule offen

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Atelier als archäologische Fundstätte: Blick in die Klasse Norbert Radermacher.

Kassel. Ateliers und Werkstätten der Kasseler Kunsthochschule stehen noch bis Sonntag beim Rundgang, der traditionellen Jahresausstellung zum Ende des Sommersemesters, offen.

Einige Impressionen von einem Rundgang beim Rundgang.

Notgrabung 

Manchmal funktioniert Kunst auch ohne „Werk“. In der Klasse Freie Kunst von Norbert Radermacher stellen die Studierenden diesmal keine fertigen eigenen Arbeiten aus. Sie haben die Räumlichkeiten in eine Art archäologische Ausgrabungsstätte verwandelt.

Tische und Stühle wurden sorgfältig aufgeschichtet, Arbeitsmaterial sortiert und im Nebenraum ordentlich ausgelegt. Aus dem Holzboden im Atelier wurden Stücke herausgenommen, jeder Student suchte für eine dieser Lücken ein persönliches Objekt aus, das zu seinem Arbeitsplatz gehört, das er nicht missen will. Fäden wurden gezogen, die die „Fundstätten“ markieren: Begrenzungen und zugleich Verbindungslinien.

„Wir wollten für uns herausfinden, wer wir sind, was uns ausmacht, was wir suchen“, erläutert Student Paul Diestel. Auch darum geht es im Kunststudium: Was entdeckt man, wenn man in der Tiefe der Persönlichkeit gräbt, freilegt, was unter der Oberfläche verborgen, verschüttet ist? Was, wenn man sich bloßstellt?

„Notgrabung“, so der Titel, verweist auch auf die Notwendigkeit, schnell und unter Druck ein Klassen-Konzept für den Rundgang zu entwickeln.

Garküchen und Rezepte 

Die Publikationen der Kunsthochschule im Angebot: Clara Ronsdorf (links) und Kathi Seemann im Papiercafé.

Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr das gemeinsame Kochen und Essen. Es gibt einige Garküchen, in der Rundgangszeitung ergänzen Rezepte die Aufnahmen und Filmstills der Foto- und Filmklassen. Da empfiehlt Rektor Joel Baumann Schweinebauch auf japanische Art und Professorin Tanja Wetzel (Kunstpädagogik) - sie ist mit ihrem Kollegen Florian Slotawa (Bildende Kunst/Skulptur) dieses Jahr federführend - Kartoffel-Sellerie-Gratin. Kochen als Kommunikation. Das „bunte Sammelsurium“ von der Quittentarte über die Sauren Kutteln bis zur altmärkischen Hochzeitssuppe soll auch für die interdisziplinäre Ausrichtung der Kunsthochschule stehen, sagt Marvin Madeheim, studentische Hilfskraft des Rundgang-Teams: „Aus vielen Zutaten entsteht etwas Neues.“

Entdeckungen, Abschiede 

Der Blick in die verwinkelt gelegenen Klassen und Werkstätten lohnt, zwischen „virtuellen Realitäten“, „redaktionellem Gestalten“, Möbel- oder Industriedesign bietet sich große Vielfalt. Im Papiercafé gibt es eine reiche Auswahl zum Verkauf angebotener Publikationen. Carmen José, eine der Papiercafé-Gründerinnen, zeigt ihre Abschlussarbeit. Auch die documenta 14 hat die studentisch organisierte Initiative bereits entdeckt und Uni-Veranstaltungen dort ausgerichtet.

Der Studiengang Produktdesign zeigt den Nachbau eines Raums in einer Flüchtlingsunterkunft. Er hat mit Entwürfen für Sichtschutz und Stauraum Verbesserungsvorschläge gemacht. Erik Schäfer, Meisterschüler von Johannes Spehr, und Johannes Alt, der seinen Master in regenerativer Energie macht, stellen ihre Braumanufaktur „Steckenpferd“ mit einem „sehr fruchtig-exotischen Pale Ale mit Zitrusnote“ vor. Bier und Kunst: Als nächstes planen sie eine Ladengalerie am Kasseler Pferdemarkt.

Unterdessen gräbt Alexander Reich (Klasse Slotawa) Setzlinge der Beuys-Bäume um die Kunsthochschule aus, um mit ihnen künstlerisch zu arbeiten. Eine Idee: sie in Kassels Partnerstadt Mulhouse zu pflanzen.

Nicht zuletzt ist der Rundgang eine Zeit des Abschieds. Dieses Semester verlassen Erich Schröder, Leiter der Studienwerkstatt Druck, Barbara Hieronymi, Leiterin der Studienwerkstatt Textil, und Bernhard Balkenhol (Kunstpädagogik) die Kunsthochschule, die sie viele Jahre geprägt haben.

Service 

Das Deckblatt der „Rundgangszeitung“ ist Lageplan und Veranstaltungsprogramm, das den Weg weist in Klassen, Ateliers und Werkstätten, die bis Sonntag täglich ab 11 Uhr offen stehen. Die Ausstellungen schließen um 20 Uhr, das Rahmenprogramm, darunter die Präsentationen der Comic-Publikation „Triebwerk“ der Illustrationsklasse sowie Aufführungen von Trick- und Spielfilmen, dauert bis 22 Uhr. Zahlreiche Bars laden ein, die Mensawiese wird am Samstag, 22 Uhr, zum Open-Air-Kino. Auch das traditionelle Fußballturnier findet dort statt: Freitag, 15 Uhr. www.kunsthochschulekassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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