Die Rückkehr der 80-er Jahre

Das Grand Prix-Finale ist komplett 

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Erfrischend anders, erfrischend gut: Dino Merlin (im karierten Sakko) und seine Band begeisterten Europa für den Beitrag aus Bosnien-Herzegovina.

Düsseldorf. In der Esprit-Arena in Düsseldorf fand am Donnerstagabend das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contests (ESC) statt. Für das Finale am Samstagabend, 14. Mai, qualifizierten sich die Teilnehmer aus Estland, Rumänien, Moldau, Irland, Bosnien-Herzegovina, Dänemark, Österreich, Ukraine, Slowenien und Schweden.

Nur unverbesserliche Optimisten wollten im Vorfeld glauben, dass es beim zweiten Halbfinale weniger musikalische und stilistische Geschmacksverirrungen geben würde, als im ersten Teil am Dienstag. Interpreten, die gerade der Inszenierung eines Kindermärchens entschlüpft zu sein schienen (Estland), pseudo-lustige Figuren mit Zipfelmützen (Moldau), singende Barbie-Puppen (Slowakai) und jede Menge verunglückte Frisuren bestimmten die zweistündige Show. Man feierte die Rückkehr der 80er-Jahre mit ihren Schulterpolstern, den Glitzergarderoben, viel Synthie-Pop und Euro-Trash.

Fotos: Lena und ihre Konkurrenten

Eurovision-Finale: Lena und ihre Konkurrenten

Überraschenderweise schied Israel aus, obwohl sich Sänger/Sängerin Dana International in einem nicht ganz so koscheren Bastkleid von Jean Paul Gaultier (Farbton: hebräisch-alge) präsentierte. Ebenso überraschend kamen Estland und die Ukraine weiter, obwohl Sängerin Getter Jaani (Estland) selten den richtigen Ton traf und das Lied von Mika Newton (Ukraine) weder einen erkennbaren Refrain noch sonst etwas bemerkenswertes hatte. An ihrer Interpretation kann es auch nicht gelegen haben.

Das zweite Halbfinale im Schnelldurchlauf

  • Dino Merlin: „Love in rewind“ (Bosnien-Herzegovina) Was für ein stimmungsvoller Folk-Pop-Auftakt! Musiker, die spielen können und ein Sänger, der begeistert. Müsste im Finale unter die ersten Fünf kommen.
  • Nadine Beiler: „The Secret is Love“ (Österreich) Nadine sieht aus, als käme sie gerade von einem Dreh mit Quentin Tarrantino und wird in Österreich auch "die Alpen-Whitney Houston" genannt. "The Secret is Love" fängt tatsächlich wie eine Whitney Houston-Nummer an, endet aber wie eine Schmacht-Ballade von Jeanette Biedermann.
  • 3JS: “Never alone” (Niederlande) Die drei Jotts sind eigentlich vier. Mit viel Wohlwollen kann man aus ihrem "Never alone" einen Bono-typischen Refrain und die Schrubbel-Gitarre von The Edge heraushören. Das reichte zu Recht nicht fürs Finale.
  • Witloof Bay: “With Love, Baby” (Belgien) Manhattan Transfer auf Flämisch. Das kann nicht gut gehen, denn östlich einer Achse Stockholm - Berlin - Rom versteht diese A-cappella-Swing-Musik kein Mensch. 
  • TWiiNS: “I’m still alive” (Slowakai) Optisch absolut überzeugend.
  • Mika Newton: “Angel” (Ukraine) Was soll das? Mika Newton singt zwar Englisch, aber man versteht kein Wort. "Angel" hat weder Höhen noch Tiefen, plätschert ohne erkennbaren Refrain vor sich hin - ein Song, den man noch vor seinem Ende vergessen hat.
  • Zdob si Zdub: “So Lucky“ (Moldau) Herzlich Willkommen in Moldau, wo man noch Zipfelmützen trägt und Dank des überall angebauten Weins recht fröhlich zu sein scheint. Musikalisch pflegt man den Elektronik-Punk-Pop der frühen 80er-Jahre (Devo) und Dank der Schützenhilfe der Nachbarländer kommt man damit sogar ins Finale ... aber bestimmt nur auf einen der hinteren Plätze. 
  • Eric Sadee: „Popular“ (Schweden) Singen muss Eric, der Wikinger, noch üben, um richtig "popular" zu werden. Vielleicht klappt es ja, wenn er sich darauf beschränkt, anstatt dabei noch einen Glaskasten zu zertrümmern. Fragwürdiger Auftritt.
  • Christos Mylordos: „San Aggelos“ (Zypern) Gothic-Rock mit einer trällernden Hammerwerferin und vier Sängern, die "San Aggelos" im wahren Sinne des Wortes in extremer Schieflage interpretieren.
  • Poli Genova: „Na inat“ (Bulgarien) Auch die Marie-Fredriksson-Roxette-Gedächtnis-Frisur und das Smells-like-Teen-Spirit-Nirvana-Gedächtnis-Riff haben nichts genützt. Poli Genova, die Anastacia aus Sofia muss die verfrühte Heimreise antreten. Schade, denn "Na inat" ist ein passabler Rocksong.
  • Vlatko Ilievski: „Rusinka“ (Mazedonien) "Kosaken he-he-hebet die Gläser, Rusinka ha-ha-ha du bist schön". In Skopje gehen die Uhren halt noch anders. Dort wird "Rusinka" trotz Ausscheidens im Halbfinale bestimmt ein veritabler Party-Hit. "Auf dein Wohl Vlatko, he Vlatko, ho!"
  • Dana International: „Ding Dong“ (Israel) Ein Lied, das genau so klingt, wie es heißt.
  • Maja Keuc: „No one“ (Slowenien) Maja Keuc tritt alles andere als keusch auf, doch das kann nicht über ihre langweilige Stimme und das ebenso langweilige Lied hinweg täuschen.
  • Hotel FM: “Change” (Rumänien) Das Hotel schickt seine Pagen und die singen zu Klavier- und Gitarrenbegleitung ein Gute-Laune-Lied, dass davon handelt, dass man nur mit guter Laune die Welt verändern kann. (Schön wär's)
  • Getter Jaani: “Rockefeller Street” (Estland) Gottseidank wurde Getter Jaani ins Finale gewählt. Zwar hat sie kaum einen richtigen Ton getroffen, sah aus, als wäre sie eine Leihgabe des Kinderkanals und ihr Synthie-überfrachtetes "Rockfeller Street" mit dem anspruchslosen Refrain "Celebrate a good time, because tonight is showtime" ist auch nicht der Bringer. Aber Getter ist erst 18 Jahre jung und die Naivität, mit der sie an die Sache geht, ist einfach rührend. Außerdem können junge Menschen einen Schaden fürs Leben bekommen, wenn man sie nicht richtig unterstützt. Und wer will das in diesem Fall schon? 
  • Anastasiya Vinnikova: “I love Belarus” (Weißrussland) Linientreuer Europop, verstörende Präsentation. Anastasiya fiel laut eigener Aussage bei einem Auftritt im vergangenen Jahr ihrem Staatschef Lukaschenko angenehm auf. Ihr Sieg beim heimischen Vorentscheid dürfte damit eine reine Formsache gewesen sein. In Düsseldorf hat sie am Donnerstag nun lernen müssen, dass es auch freie Wahlen gibt und dass die anders ausgehen als zuhause. Frau Lukaschenka, Entschuldigung, Vinnikova, darf sich das Finale am Samstag in Minsk anschauen – falls es, da ohne weißrussische Beteiligung, dort überhaupt übertragen werden darf.
  • Musiqq: “Angel in Disguise” (Lettland) Farbloser Song, gesungen von farblosen Sängern, an denen eigentlich nur eines auffiel: die hässlichen roten Fliegen.
  • A Friend In London: „New tomorrow“ (Dänemark) Kinderlied mit Rock- und Ohrwurm-Charakter. Kann man schon beim ersten Mal mitsingen. Wenn der Sänger bloss nicht diese bescheuerte Howard-Jones-Frisur tragen würde. Hat gute Chancen, weit nach vorne zu kommen.
  • Jedward: “Lipstick” (Irland) Ihr Auftritt erinnert ein wenig an Sigue Sigue Sputnik. Jedward sind jedenfalls erfrischende Performer, die sich mit Begeisterung in ihre Arbeit stürzen. Das steckt an, besonders kleine Mädchen. Von dem Song bleibt zunächst allerdings nicht allzu viel hängen. Das macht den Fans aber nichts aus - Hauptsache demnächst auf der Bravo!

Erstes Halbfinale

Bereits am Dienstag hatten sich Serbien, Litauen, Griechenland, Aserbaidschan, Georgien, die Schweiz, Ungarn, Finnland, Russland und Island qualifiziert. Für das Finale gesetzt sind Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien und Frankreich. Dem französischen Beitrag "Sognu", eine Mischung zwischen Ravels "Bolero" und Andrea Boccelis "Time to say Goodbye", gesungen von dem Tenor und Schwiegermutter-schwarm Amaury Vassili werden allgemein die größten Siegchancen eingeräumt.(wd)

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