Blick auf übersteigerte Mutterliebe

Beklemmend: Das Drama "Die Ratten" im Kasseler Schauspielhaus

Gitterstäbe mit Bügeln voller Plastikhüllen: Michaela Klamminger (Walburga, von links), Uwe Steinbruch (Harro Hassenreuter), Konstantin Marsch (Erich Spitta) und Christina Weiser (Sidonie Knobbe) im Bühnenbild von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“. Foto: Klinger

Kassel. Warum Gerhart Hauptmanns Drama „Die Ratten" am Kasseler Schauspielhaus in Maik Priebes Inszenierung so überzeugt.

Die Ratten sind überall. Nein, es huschen keine ferngesteuerten Nager über die Bühne im Kasseler Schauspielhaus. Es sind die Menschen. Alle tragen sie abgewetzte Fummel in altrosa und blassgrau. Tierisches haftet ihnen an. Ober- und Unterschicht sind sich seltsam ähnlich. Die Frauen wirken auf ihren Plateausohlen wie billige Nutten, primitiv und oversexed, die Männer geil, dumm, brutal. Das permanente rattenhafte Unbehagen manifestiert sich nicht nur in den Kostümen, sondern auch im Bühnenbild (beides: Susanne Maier-Staufen). Die Mietskaserne hat den Charme eines Plattenbaus. Der Theaterfundus des einstigen Theaterdirektors Hassenreuter auf dem Dachboden erinnert an ein Gefängnis, an dessen Gittern schemenhafte Kostüm-Gespenster hängen. Die Bühne fährt mal rauf, mal runter, je nachdem, ob die Szene im Obergeschoss-Fundus oder in der darunter liegenden Wohnung des Ehepaars John spielt.

Gerhart Hauptmann hat seiner 1911 uraufgeführten Tragikomödie „Die Ratten“ in gut naturalistischer Manier eine zweiseitige Bühnenbildbeschreibung vorangestellt. Maik Priebe pfeift darauf. Seine Inszenierung feierte am Samstag am Staatstheater eine umjubelte Premiere. Priebe dampft gleich den Text mit ein, mildert das Berlinerische, reduziert das Personal und macht aus dem Fünfakter einen Einakter. "Erstaunlicherweise geht dabei nichts Wesentliches von der traurigen Geschichte der Putzfrau John verloren, deren Sohn vor einigen Jahren gestorben ist. Als das Dienstmädchen Pauline Piperkarcka ein uneheliches Kind erwartet und sich umbringen will, schlägt sie vor, ihr das Baby abzukaufen.

Rahel Weiss verkörpert die Pauline mit derart inbrünstigem Leiden, so viel Wut und Verzweiflung, dass es einem an die Nieren geht.

Caroline Dietrich ist als Frau John das Ereignis des Abends: Ihre zum Fanatismus gesteigerte Mutterliebe, mit der sie ihren Bruder Bruno (Christian Ehrich) zum Mord anstachelt, was dazu führt, dass ihr Mann, der Maurerpolier (Bernd Hölscher), sie in einem dramatischen Showdown verstößt, ist in jedem Moment von großer, berührender Wahrhaftigkeit.

Hauptmann hat die tragische Seite den Armen, die komische dem kulturbeflissenen Bürgertum zugedacht. „Zwei Welten“ wollte er damit zeigen. Auch diese Konstellation durchbricht Priebe, denn so trennscharf ist das Leben eben nicht. Theaterdirektor Hassenreuter (großartig: Uwe Steinbruch) ist ein notgeiler, lächerlicher Gnom, als er seine Geliebte (Alina Rank) heimlich trifft. Verschroben komisch auch seine Gattin (Eva-Maria Keller). Später raunt er hochtrabend von Klassikern, wenn er dem Schauspielschüler Spitta (Konstantin Marsch) Unterricht erteilt, der wiederum Tochter Walburga liebt (Michaela Klamminger).

Grotesk überzeichnet und ein weiterer Höhepunkt ist die Tochter der drogenabhängigen Dirne Sidonie Knobbe (Christina Weiser): Mit dicker Brille, linkischen Bewegungen und fahrigem Gefasel gibt Gast Judith Florence Ehrhardt als Selma ihr mit großem Applaus quittiertes professionelles Theaterdebüt.

Wieder am 27.5., 15.6., Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Andreas Gebhardt

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