Beklemmende Oper: „The Turn of the Screw“ am Kasseler Staatstheater

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Wer hat hier Macht? (von links) Mira Meske (Flora), Tizian Geyer (Miles), Gunnar Seidel (Double Peter Quint) und Runette Botha (Gouvernante).

Kassel. Ganz klar ein Fall für den Psychiater. Und so lässt Regisseur Paul Esterhazy den Prolog zu Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“ (Die Drehung der Schraube) in seiner Kasseler Inszenierung von einer Sigmund-Freud-ähnlichen Figur singen (Gideon Poppe).

Ein stummes Double des Seelenkundlers wird immer wieder ratlos die Szenerie dieses düster-geheimnisvollen Kammerspiels durchstreifen.

Am Ende ist zwar der Vorhang nicht zu, doch viele Fragen bleiben offen. Henry James lässt in seiner gleichnamigen Erzählung eine junge Gouvernante auf einem englischen Landsitz zwei Kinder betreuen, Miles und Flora (Tizian Geyer und Mira Meske). Schnell stellt sich heraus, dass mit den beiden etwas nicht stimmt.

Erzählungen der Haushälterin Mrs. Grose lassen vermuten, dass es zwei Verstorbene sind, der Ex-Verwalter Peter Quint (ebenfalls Gideon Poppe) und die frühere Gouvernante, Miss Jessel (Maren Engelhardt), die herumspuken und Macht über die Kinder haben. Anders als bei Henry James werden die Schattenfiguren in der Oper konkret: Mit Gesang wirken sie auf die Kinder ein.

Regisseur Esterhazy dreht die Schraube noch weiter: Quint und Miss Jessel sind als zwei nackte Doubles (Gunnar Seidel und Valeska Weber) fast ständig auf der Bühne präsent. Für die Akteure sind sie unsichtbar, und auch der Gesang kommt verdeckt von außen. Man ahnt: Hier muss sich Schreckliches ereignet haben.

Doch stimmt das auch? Wenn die Erscheinungen existieren, dann verkörpern sie die Macht des Bösen. Was aber, wenn es sich um krankhafte Fantasien der jungen, scheinbar unschuldigen Gouvernante handelte? Sie ist verliebt in den abwesenden Vormund der Kinder - dessen Bild Quint zeigt.

Sicher ist nur: Das Abgründige existiert, doch wer sind die Schuldigen, wer die Opfer? Angesichts aktueller Missbrauchsskandale sind die Fragen, die Britten in seiner vor 59 Jahren uraufgeführten Oper andeutet, von beunruhigender Relevanz.

In 16 Szenen spitzt sich die Handlung stetig zu. Szenisch ist das toll umgesetzt: Eine Wand hinter der kleinen Spielfläche zeigt eine englische Landschaft (Bühne und Kostüme: Pia Jansen). Mit wenigen Requisiten werden Innen- und Außenräume samt Durchblicken geschaffen. Eine strenge viktorianische Welt, in der die Geisterfiguren allein durch ihre Nacktheit bedrohlich wirken. Entscheidend für das Gelingen des Abends ist jedoch, dass Esterhazy virtuos die Balance hält zwischen Zeigen und Offenlassen.

Sängerisch ist es der Abend von Runette Botha, eine vieldeutig präsente Gouvernante mit feinen stimmlichen Extras. Stark auch Maren Engelhardt als eindringliche Stimme Miss Jessels und Gideon Poppe als singender Verführer Quint. Mit weichem Wohllaut versieht Lona Culmer-Schellbach die Haushälterin Mrs. Grose. Und einfach wunderbar singen und spielen die Kinder-Darsteller, Tizian Geyer von der Chorakademie Dortmund und Mira Meske vom Kasseler Kinderchor Cantamus.

Brittens komplex gearbeitete Musik für nur 14 Instrumentalisten (sie beruht auf einem vielfach variierten Thema von 21 Tönen) ist beim Dirigenten Alexander Hannemann und den Musikern des Staatsorchesters in guten Händen. Suggestive Klangwirkungen machen diese Oper für Fortgeschrittene zum Erlebnis. Warmer Premierenbeifall im nicht ganz ausverkauften Opernhaus.

Wieder am 19. und 27.6., Karten: Tel. 0561/1094-222.

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