Warum die Deutschen Nudeln mit Tomatensoße lieben: Vor 50 Jahren erfand Kraft das Fertiggericht „Mirácoli“

Bella Italia in der Pappschachtel

Damals: Werbung für Mirácoli aus dem Jahr 1961. Fotos: Kraft/ nh

Vor genau 50 Jahren wurde Deutschland ein wenig italienischer. 1961 erfand der Lebensmittelkonzern Kraft Foods ein Nudelfertiggericht für den deutschen Markt, das das Essen, Denken und Leben im Land der Rouladen und des Schweinebratens veränderte: Mirácoli.

Mirácoli, das ist eine simple Pappschachtel, die alles enthält, was man für eine vollständige Mahlzeit benötigt: Nudeln, Soße, Gewürzmischung und Käse. Mirácoli ist zu einem Fertiggericht-Klassiker geworden, der viele Deutsche durch ihr gesamtes Leben begleitet.

Heute sind Nudeln mit Tomatensoße - aus dem berühmten Päckchen oder selbst gekocht - eines der beliebtesten Kindergerichte überhaupt. Und das hat sicher auch mit der Pionierleistung von Mirácoli zu tun. Das Jubiläumsjahr wird bei Kraft mit vielen Aktionen gefeiert, etwa mit einer neuen Mirácoli-Sorte: Fettucelle mit gegrilltem Gemüse.

Als sich 1961 die neuartige Pappschachtel aus dem Hause Kraft anschickte, den gerade erst entstehenden deutschen Fertigproduktemarkt zu verändern, war die italienische Küche diesseits der Alpen kaum bekannt. Die Gastarbeiterwelle rollte erst langsam an. Aber mehrere Faktoren begünstigten den Erfolg des Schnellgerichts: Viele Hausfrauen verließen in der Wirtschaftswunderzeit den heimischen Herd und stiegen in die Berufswelt ein. „Sie waren froh über Erleichterung und Hilfestellung in der Küche“, erklärt Kraft-Sprecherin Heike Hauerken.

Mirácoli war zur Stelle, ein Fertigprodukt, das nicht an der Küchenehre kratzte: „Die Hausfrau hörte damit ja nicht ganz zu Kochen auf, sondern behielt ein Kochgefühl“, sagt Hauerken, „das ist auch ein Geheimnis von Mirácoli. Man kann immer Gemüse dazuschnippeln oder etwas Fleisch anbraten.“

Vielleicht ist das auch der größte Unterschied dieses „Trockenfertiggerichts“, wie es im Branchenjargon heißt, zu einem „Nassfertiggericht“ wie Ravioli aus der Dose.

Dann gab es Sehnsucht jener Jahre nach Bella Italia. Die ersten Deutschen knatterten im Käfer über die Alpen und lernten im Urlaub die mediterrane Küche kennen. Hier kommt die geheimnisvolle Würzmischung von Mirácoli ins Spiel. Hauerken: „Es war leichter, sich dieser für damalige Verhältnisse exotischen Küche anzunähern, wenn man beim Saucengeschmack schon mal nichts falsch machen konnte.“

Bis heute ist Mirácoli nach Firmenangaben Marktführer bei den Trockenfertiggerichten. Viele Fans sind schon mit den rotsaucigen Spaghetti aufgewachsen, haben sie später in der Studentenbude zubereitet und erinnern sich wieder an das schnelle Nudelglück, wenn sie selbst Kinder haben.

Seit ein paar Wochen hat der kulinarische Klassiker eine eigene Facebook-Seite und schon über 24 000 Fans.

Stellvertretend für viele schreibt Fan Susanne über den Kultfaktor des unverfälschten Originals: „Lasst euch niemals von irgendjemand die Mirácoli mit Wurst und Fleischschnipseln versauen.“

Mirácoli-Welt

•Das Ursprungsprodukt hat sich zur Mirácoli-Welt ausgeweitet: Heute werden unter der Marke 16 Nudel-Fertiggerichte, drei Mikrowellen-Gerichte und elf Pasta-Saucen angeboten.

•Sauce, Gewürze und Käse sind traditionellerweise nicht einzeln zu kaufen. Das soll den exklusiven Charakter des Produkts betonen.

•Fernsehwerbung: Anfang der 90er-Jahre wird Werbefigur Mamma Mirácoli eingeführt: In der Werbung kocht die italienisch aussehende Mutti und ruft ihren Sohn Fernando vom Kicken in der Gasse rein zum Nudelessen. In den 80ern sah man im Farbfilm eine glückliche Familie beim Mirácoli-Essen, während die schwarz-weiß gezeigte Familie in der Nachbarwohnung unglücklich dreinschaute, weil die Nudelsoße alle war.

•Der Käse hat den berühmt gewordenen Namen Pamesello. Kraft sorgt mit dem Eigenprodukt für einen akustischen Anklang an den Klassiker Parmiggiano Reggiano (Parmesan), der eine geschützte Herkunftsbezeichnung hat.

•Klassische Zielgruppe ist die Familie mit Kindern, doch mit Soßen wie Pesto und Arabbiata wendet sich Kraft auch an eine erwachsene Kundengruppe.

•Verkaufszahlen gibt der Konzern nicht bekannt, nur soviel: „Legt man die im Jahr 1961 von uns Deutschen gekauften Mirácoli-Packungen aneinander, ergibt dies eine Strecke von 13 Kilometern. Heutzutage gehen jährlich Packungen für eine Länge von fast 7000 Kilometer über die Ladentheken. Damit lässt sich eine Mirácoli-Straße von Hamburg nach Rom legen - und das Ganze vier Mal.“ (fra)

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