Tim Bendzko hat die Hosen an: Der Berliner gewinnt Song Contest

Tim Bendzko

Köln. Eva Briegel hatte sich genau die richtige Strategie zurechtgelegt für den Bundesvision Song Contest. Auf die Frage, welchen Platz sie erreichen wolle bei Stefan Raabs Musikwettbewerb, hatte die Sängerin der Gießener Band Juli unserer Zeitung geantwortet: „Ich versuche, das buddhistisch gelassen zu sehen.“

Und so strahlte sie sogar am Donnerstag in der Kölner Lanxess Arena, als klar war, dass das Quintett aus Hessen für „Du lügst so schön“ nur einmal zwölf Punkte aus dem eigenen Bundesland bekam und damit hinten lag - nur Muttersöhnchen aus Schleswig-Holstein holten noch weniger Zähler.

Der Absturz von Juli, die seit ihrem Song-Contest-Triumph 2005 mehr Platten verkauft haben als alle diesjährigen Konkurrenten zusammen, war die Überraschung des Abends, der noch einmal deutlich machte, dass das Jungs-Gitarren-Frontfrau-Format längst kein Erfolgsrezept mehr ist. Heute geben Singer/Songwriter wie Clueso und Philipp Poisel den Ton im deutschen Pop an.

Folgerichtig wählten die Zuschauer den Berliner Aufsteiger Tim Bendzko mit seinem lauschigen Hit „Wenn Worte meine Sprache wären“ (141 Punkte) zum Sieger vor dem Bremer Flo Mega („Zurück“, 111) sowie Bosse und Anna Loos aus Niedersachsen („Frankfurt Oder“, 102).

Das war der Bundesvision Song Contest

Im Bundesvision Song Contest treten alle 16 Bundesländer in einem musikalischen Wettstreit gegeneinander an. © dpa
Die Band Frida Gold belegte mit ihrem Song "Unsere Liebe ist aus Gold" den siebten Platz. © dpa
Das XXXL-Kleid der Sängerin der Band Juli kam wohl nicht so gut an: Die Hessen wurden nur Vierzehnter. © dpa
Glasperlenspiel aus Baden Württemberg lieferte eine tolle Show ab. © dpa
Die Sängerin Doreen trat beim Bundesvision Song Contest für Brandenburg an © dpa
Jennifer Weist von der Band "Jennifer Rostock" aus Mecklenburg-Vorpommern wollte mit einer sexy Bühnenshow überzeugen © dpa
In durchsichtigem Outfit und auf Highheels performte sie auf der Bühne der Lanxessarena in Köln © dpa
Die fünfköpfige Band hatte bereits beim Bundesvision Song Contest im Jahr 2008 versucht, die Herzen der Zuschauer zu erobern. Am Donnerstag präsentierte sie ihren Song "Ich kann nicht mehr" © dpa
Die Gruppe "Muttersöhnchen" mit Harry Bum Tschak und MK TopGenie aus Schleswig-Holstein © dpa
Die Gruppe "Flimmerfrühstück" aus Sachsen-Anhalt © dpa
Tim Bendzko hat für Berlin den Bundesvision Song Contest 2011 gewonnen © dpa
Er sang eine Schmacht-Ballde mit dem Titel "Wenn Worte meine Sprache wären“ © dpa
Momentan ist der Berliner mit dem Song "Nur noch kurz die Welt retten" im Radio zu hören © dpa
Der Sieg beim Bundesvision Song Contest war nicht der erste Erfolg in Tims Leben: Er hat bereits beim 1. FC Union Berlin Fußball gespielt, in Berlin Theologie studiert und durfte als Sieger eines Talentwettbewerbs auf der Berliner Waldbühne auftreten. © dpa
Der strahlende Sieger mit den beiden Moderatoren Johanna Klum und Stefan Raab. © dpa

Wenn allein Zahlen die Sprache der Programmverantwortlichen wären, müsste Pro 7 den Song Contest abschaffen. Mit nur 1,67 Millionen Zuschauer schalteten fast eine Million weniger Musikfans ein als 2010. Das ist der schlechteste Wert in der Geschichte des Wettbewerbs, der dennoch nicht sterben darf.

Denn auch diesmal gab es einen schönen Querschnitt deutschen Musikschaffens jenseits des Formatradios. Nur hier findet jemand wie Tomte-Sänger Thees Uhlmann, der als Bruce Springsteen des Indie-Rock gilt und für Hamburg Achter wurde, das Publikum, das er verdient. Nur hier kann ein Bremer Soulsänger wie Flo Mega, über den es nicht einmal einen Wikipedia-Artikel gibt, auftrumpfen. Nur hier kann eine lustige Band wie Kraftklub aus Sachsen nackt spielen - die Musiker hatten sich Hemd und Hosen auf die Haut malen lassen und kamen auf Platz fünf.

Und nebenbei kann man in der Show noch etwas über Geografie lernen: Co-Moderatorin Johanna Klum verwechselte Thüringen mit Niedersachsen und behauptete, Frankfurt/Oder läge neben Hessen. Weil zudem Grand-Prix-Siegerin Lena als Fragestellerin im Green Room unsagbar nervte, half bisweilen wirklich nur buddhistische Gelassenheit.

Von Matthias Lohr

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