Ein Beobachter mit Biss: Bestseller der Aufklärung

Prachtband mit den Briefen von Johann Kaspar Riesbeck

Panorama des 18. Jahrhunderts: Zeitgenössische Ansicht aus Göttingen im neuen Riesbeck-Briefband der Anderen Bibliothek. Foto: nh

Im Jahr 1783 sind die „Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder zu Paris“ erstmals erschienen, ohne Angaben des Autors oder Verlagsorts.

Wie sehr ihr Verfasser Johann Kaspar Riesbeck, kein Franzose, sondern Sohn eines Schnupftuch-Fabrikanten aus dem hessischen Höchst und wegen unbotmäßiger Kritik gerade als Redakteur der „Zürcher Zeitung“ entlassen, Themen aufgreift, die noch 230 Jahre später die Öffentlichkeit bewegen, zählt zu den verblüffendsten Einsichten, wenn man sich in der phänomenalen Neuerscheinung der Briefe festliest. Das tut man leicht und gern.

Schon in der Vorrede etwa beklagt Riesbeck das fehlende Urheberrecht, das eine zügige Neuauflage erforderlich mache, um fremden Nachdrucken zuvorzukommen. Und wenn Riesbeck aus Mainz (und nicht etwa aus Limburg) berichtet: „Nach dem Papst ist der hiesige Erzbischof ohne Vergleich der ansehnlichste und reichste Prälat in der christlichen Welt“, ist man mittendrin in einer auch heute virulenten Debatte über die Finanzausstattung der Kirche. Gerade die Klöster kommen bei Riesbeck nicht gut weg. Dem Mainzer Bischof immerhin attestiert er: „Des ungeheuren Reichtums ungeachtet ist die hiesige Geistlichkeit doch die gesittetste in ganz Deutschland.“

„In den seltsamsten Figuren von Zirkeln, Vier- und Dreiecken“ zerschneide er durch seine Märsche das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, so beschreibt der vermeintliche Franzose seine Route „in geraden, krummen und Zickzacklinien“, die ihn bis Prag, Wien, Hamburg, Amsterdam und Berlin führt - und auch nach Göttingen und Kassel (siehe Zitate rechts). Nicht überall ist der tatsächlich weit gereiste Riesbeck selbst gewesen, teils berichtet er aus zweiter Hand.

Riesbeck arbeitet durchaus journalistisch, er verwebt Statistiken mit Gesprächen und Beobachtungen zum Zeitpanorama kurz vor der Französischen Revolution. Und er schreibt lebendig, plastisch, unterhaltsam, amüsant, teils mit scharfem Spott. Mitunter zuckt man angesichts seiner Pauschalurteile zusammen, wenn er „Sibirier und Kamtschadalen in ihrem Eis und Schnee“ das „feigste, wollüstigste, niederträchtigste und sklavischste Volk auf der Erde“ nennt oder die Nordamerikaner „das feigste und undisziplinierteste Packvolk“. Riesbeck ist eindeutig ein Mann des „warmen und heiteren“ Südens, dem nicht nur die schmackhaftesten Früchte und der Wein entstammten, sondern „die Erleuchtung des Menschenverstandes“, ein „Schwung“, welcher der eigentliche Charakter des Genies ist“. Im Süden wird der Mensch erhöht.

Es ist das Verdienst der Herausgeber Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, diesen Bestseller der Aufklärung, versehen mit zeitgenössischen Abbildungen und umfangreich kommentiert, in einem Prachtband neu zugänglich gemacht zu haben. Der Rezensent der „Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen“ unterließ es, den brisanten Inhalt zu zitieren, „weil eine Recens. nicht so offenherzig seyn darf, als ein Brief“. Das jedenfalls hat sich seit 1783 geändert.

Zur Person

Johann Kaspar Riesbeck

Johann Kaspar Riesbeck, 1754 in Höchst geboren, hatte oft unter seiner „Temperamentshitze“, also unbeherrschtem Verhalten, zu leiden. Er führte nach dem Jura-Studium in Mainz (das er angeblich verlassen musste, weil er sich mit einem Domherrn um eine Frau prügelte) ein unstetes Leben als Schauspieler, Autor und Übersetzer und zehrte das väterliche Erbe auf. 1780 wurde er als Gründungs- und einziger Redakteur der „Zürcher Zeitung“ eingestellt, bekam aber bald Ärger mit der Obrigkeit. Mit beißender Ironie attackierte er auch in seinen „Briefen“ (1783) Landesherren und Klerus. Riesbeck war aber kein Revolutionär, er wollte keinen Umsturz, sondern Reformen. Seine Vorbilder waren aufgeklärte Monarchen wie Friedrich II. von Preußen und Kaiser Joseph II. Riesbeck starb 1786 mit 32 einsam und verarmt in Aarau an Tuberkulose.

Einige Ausschnitte aus Johann Kaspar Riesbecks Briefen:

„Das Ideal von körperlicher Schönheit lieber Bruder, welches unsern Künstlern vor Augen schwebt (...) ist gewiß nicht im Norden abstrahiert worden.“

„Göttingen ist ein hübsches Städtchen von ungefähr 8000 Seelen, dessen Lage schöner und dessen Gegend fruchtbarer ist, als irgend einer andern hannovrischen Stadt, die ich sah. Sie lebt fast bloß von der Universität, die nun eine der berühmtesten in Europa ist . Der Studenten sollen jetzt gegen 800, und der Lehrer, die Sprach- Tanz- Fechtmeister u. dgl. m. mitgerechnet, gegen 60 sein. (...) Die weder durch Politik noch durch Pfaffen eingeschränkte Freiheit, (...) eine aufgeklärte und sanfte Regierung gewähren dieser hohen Schule Vorteile, die schwerlich eine andre hat.“

„Kassel ist eine sehr schöne und zum Teil prächtige Stadt von ungefähr 32 000 Einwohnern. Die Hugenotten haben diese (...) blühend gemacht. Sie hat sehr beträchtliche Manufakturen, besonders von Hüten, die den lyonischen an Feinheit und Stärke nichts nachgeben (...) Dieser Staat ist der militärischste von ganz Deutschland; seine Bauern sind nicht nur alle exerziert, sondern immer auch in die ganze weite Welt marschfertig.“ „Das hessische Landvolk ist im Ganzen genommen bis zum Ekel häßlich. Die Weibsleute sind die eckigsten Karikaturen (...) Ihre Kleidung ist abscheulich. Die meisten gehn ganz schwarz, und tragen die Röcke so hoch, daß man gar keine Taille, wohl aber die ungelenken Stampf-Füße bis an die Knie erblickt. (...) Ihre Lebensart ist rau; Erdäpfel und Branntwein, den man auch Kindern gibt, sind ihre vorzüglichsten Nahrungsmittel. (...) Der ganze Strich Landes von Kassel bis über die Grenze von Franken ist rau und wild, und die Einwohner haben das Gepräge ihres Bodens, der noch stark mit Waldung bedeckt und ziemlich bergigt und felsigt ist.“

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