Mark Zurmühle eröffnet mit der „West Side Story“ die Spielzeit am Deutschen Theater in Göttingen

Bereit für den amerikanischen Traum

Isoliert in Zweisamkeit: Tony (Wojo van Brouwer) und Maria (Sarah Schermully). Foto:  Winarsch

Göttingen. Ein Schiff, randvoll mit jungen Menschen. Das Ziel: Manhattan. Die Vereinigten Staaten von Amerika. Der wirtschaftliche Aufschwung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt die Hoffnungen auf ein Leben in Freiheit und Wohlstand wachsen. Der amerikanische Traum scheint zum Greifen nah. Sogar für die, die jeden Tag ums Überleben kämpfen, deren Herkunft eigentlich andere Wege vorgibt.

Intendant Mark Zurmühle entführte das Publikum des Deutschen Theaters Göttingen zur ausverkauften Premiere der „West Side Story“ am Samstag eben in diese Welt. In die Straßenschluchten von New York. In die Welt der puerto-ricanischen Sharks und der amerikanischen Jets, zweier verfeindeter Jugendgangs, die schon vor über 50 Jahren gezeigt haben, dass die Geschichte von Romeo und Julia, auf der das Musical von Leonard Bernstein (Musik) und Stephen Sondheim (Texte) beruht, niemals an Aktualität verliert.

Mit seiner Interpretation der Ur-Mutter des Musicals hat Zurmühle das nun einmal mehr bewiesen: Der Authentizität wegen setzt er auf jugendliche Laiendarsteller und Tänzer und nimmt Abstriche bei gesanglichem Können in Kauf. Bei den Hauptfiguren Maria (Sarah Schermully) und Tony (Wojo van Brouwer) legt er aber vor allem auf stimmliche Qualität Wert und entbindet die Figuren hinsichtlich ihres äußeren Erscheinungsbildes, allesamt vom Anspruch der Perfektion. Er spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und lässt kein Schubladensystem zu.

Das Liebespaar Maria und Tony legt im Umgang miteinander bisweilen sogar eine unerwartete Sachlichkeit an den Tag – abgehackte Sätze, spitze Küsse, slapstickartige Versuche, den Balkon zu erklimmen. Bis Tony schließlich den dramatischen, dem Fremdenhass geschuldeten Tod in Marias Armen stirbt.

Und auch während der athletischen und sinnlichen Tanzszenen (Choreografie: Ayman Harper) des 30-köpfigen Ensembles und deren musikalischen Untermalung durch das hervorragende Orchester (Leitung: Albrecht Ziepert) wirken Maria und Tony meist wie Fremdkörper. Sie distanzieren sich von den anderen Gangmitgliedern, suchen nach ihren Plätzen auf der komplett mit Erde bedeckten DT-Bühne, die mithilfe eines asymmetrischen und drehbaren Quaders und reduzierter Beleuchtung mal als Hafen, mal als Straßenzug, Balkon und als Kirche funktioniert (Bühne: Eleonore Bircher) und irgendwie an eine Zirkus-Manege erinnert.

Obwohl Zurmühle den Zuschauer durch kleine Ungereimtheiten in der Inszenierung also immer wieder dazu auffordert, eine distanzierte Haltung einzunehmen, gelingt ihm der Sprung in die fremde Welt gemeinsam mit dem Publikum. Zumindest zweieinhalb Stunden hieß es zum Spielzeitbeginn in der Leinestadt: Manege frei für den amerikanischen (Alb-)Traum.

Nächste Vorstellungen am 28. und 30.9., 9.10., Kartentelefon: 0551 / 49 69-11.

Von Belinda Duvinage

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