Zu Gast im Kulturzelt Kassel: Der Schotte Alexi Murdoch macht traurig-schönen Folk

Alexi Murdoch - Über O.C., California ins Kulturzelt

Schreibt seine Songs am liebsten auf einem Segelboot: Der Singer/Songwriter Alexi Murdoch (37). Foto: nh

Klassischer Songwriterpop mit folky Ausrichtung ist ja so was von existenziell-zäh. Diese Sorte Musik stirbt wahrscheinlich erst aus, wenn Mutter Erde hart im Begriff ist, die Menschheit ein für allemal zu verschlucken, um anschließend, mit Hilfe von allerlei Gewürm, Pilzen und Bakterien, etwas wirklich Intelligentes auf die Beine zu stellen.

Eine der großen Fragen vorm Ende wird zweifellos lauten: Wer singt das letzte Lied?

Mangel an Anwärtern gibt es nicht. Und derzeit tummeln sich die (Herren) Gitarrenkünstler wieder besonders eifrig: Es gibt eigensinnige Folk-Irgendwas-Platten von Alexander Tucker, Kurt Vile, Six Organs of Admittance, Thurston Moore, William Fitzsimmons, Josh T. Pearson und Bill Callahan, um ein paar besonders gelungene zu nennen. Ja, und dann ist da noch Alexi Murdoch und sein kürzlich von City Slang wiederveröffentlichtes Album „Towards The Sun“, das erstmals 2009 erschienen war. Was außer Murdoch anscheinend kaum jemand wusste.

City Slang also: Das Berliner Label, für das José González’ Folkkraut-Bandprojekt Junip musiziert und Kurt Wagners Gruppe Lambchop eine bemerkenswerte Platte nach der anderen veröffentlicht. Lambchop sind bekanntlich gern gesehene Sommergäste im Kasseler Kulturzelt. Dieses Jahr allerdings nicht, dafür ist (am 4. August) Murdoch zugegen wie zuvor schon William Fitzsimmons (9. Juli). Kein schlechter Ersatz, wenngleich ein genauerer Vergleich hinken würde.

Alexi Murdoch im TV

Parallel zu seiner Karriere in den Folk-Clubs hat Alexi Murdoch mit seinen Songs auch eine beachtliche TV-Karriere hingelegt: Er schrieb Musik für die Serien O.C., California, Dr. House, Prison Break und Spurlos Verschwunden. (wd)

Murdochs mit diskret gezupfter Gitarre, überlegt gesetzten Klaviertupfern, aus dem Hintergrund agierenden Streichern und gedämpften Bläsern äußerst sparsam instrumentiertes, bisweilen tempoloses und stets knapp über dem Boden schwebendes Album erinnert in seiner filigranen Nachdenklichkeit am stärksten noch an „Pink Moon“, die legendäre Platte des allzu früh verstorbenen, britischen Songwriters Nick Drake.

Murdoch, ein 1973 in London geborener Schlaks mit griechischen Wurzeln, der in Schottland lebt und, wie könnte es anders sein, einen Vollbart trägt, galt nicht nur der „dpa“ als Vertreter einer raren Spezies: als jemand, der furchtlos sein Ding durchzieht. Weil sich das über sämtliche hier im Text aufgeführte Künstler sagen lässt, kann die Spezies so rar aber wohl doch nicht sein.

Macht nichts, die große Gabe Murdochs, Melodien zu schreiben, die so wundersam traurig schön sind, dass sie bereits nach den ersten Sekunden verfangen, verliert sich darüber ja nicht. So wenig wie seine poetische Fähigkeit, ein geradezu erschreckendes Maß hochsensibler Empathie für geliebte Menschen in seinem sonor auf Traumpfaden wandelnden Gesang anklingen zu lassen. Wenn man dabei an den schwer depressiven, mit 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva verstorbenen Nick Drake denkt, könnte man sich fast ein bisschen Sorgen um Murdochs Gesundheit machen.

Man kann aber auch einsehen, dass Projektionen Projektionen sind, nicht mehr und nicht weniger. Und stattdessen darauf hoffen, dass das letzte Lied ein Lied von Alexi Murdoch sein wird.

Alexi Murdoch: Towards the Sun (City Slang / Universal). Wertung: !!!!!

Alexi Murdoch und Stephanie Nilles: 4. August im Kasseler Kulturzelt. Tickets: HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Michael Saager

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