Neu im Kino: Der britische Komiker Ricky Gervais entwirft in „Lügen macht erfinderisch“ eine ehrliche Welt

Wer ist bereit für die Wahrheit?

Gefährliches Treffen: Jennifer Garner als Anna und Ricky Gervais als Mark sagen sich unschöne Wahrheiten. Foto:  nh

In seinem Regiedebüt „Lügen macht erfinderisch“ spielt der britische Schauspieler und Komiker Ricky Gervais sehr überzeugend eine einfache Prämisse durch und erschafft eine Welt, in der die Lüge noch nicht erfunden wurde.

Jeder sagt die Wahrheit, auch wenn sie schmerzhaft ist. Beim ersten Rendezvous eröffnet Anna (Jennifer Garner) Mark (Ricky Gervais) schon in den ersten Minuten, dass sie mit einem derart unattraktiven Mann wie ihm nie ins Bett gehen wird. Mark nimmt es gelassen und erzählt im Gegenzug, dass er heute Morgen gefeuert worden ist und sich deshalb kein teures Restaurant leisten kann. Hart, aber ehrlich geht es zu in dieser Welt. Im Fernsehen laufen nur historische Dokumentationen, weil die Fiktion noch nicht entdeckt wurde. Pepsi wirbt mit dem Slogan „Wenn Sie keine Coke haben“ und ein Seniorenwohnheim nennt sich „Ein trauriger Ort, wo alte Leute zum Sterben hinkommen“. Der harschen Art, mit der die Menschen sich hier die Wahrheit ins Gesicht sagen, steht ihre Gutgläubigkeit gegenüber. Denn in einer Welt ohne Lüge gibt es kein Misstrauen.

Aber dann findet in Marks Kopf – die Kamera zeigt das aus der Innenperspektive – eine neuartige Verbindung der Synapsen statt. Gerade hatte ihn die Bankangestellte gefragt, wie viel Geld noch auf seinem Konto ist. Statt wahrheitsgemäß 300 Dollar anzugeben, rundet Mark sein Guthaben auf 800 Dollar auf. Die Mitarbeiterin händigt Mark die höhere Summe aus.

Es ist die Geburtsstunde der Lüge, und Mark ist fortan der Einzige, der diese Gabe hat. Er kann sagen, was er will, und alle glauben ihm. Seiner schwer kranken Mutter im Altersheim erzählt er zum Trost, dass es ein schmerzfreies Leben nach dem Tod gibt. Natürlich glaubt sie ihm.

Bald schon findet sich Mark unverhofft in der Rolle eines Messias wieder, der den Leuten erzählt, dass es im Himmel einen gibt, der all das hier zu verantworten hat.

Im Gewand einer scheinbar federleichten Hollywood-Komödie erörtert Gervais in „Lügen macht erfinderisch“ seine lebensphilosophischen Fragestellungen. Das ist in der ersten Hälfte, in der die Welt als gnadenlos ehrlicher Ort vorgeführt wird, urkomisch, weil es die berechtigte Frage stellt: Wie viel Wahrheit kann die Menschheit aushalten? Die Mischung aus Naivität und Kaltschnäuzigkeit, mit der die Menschen miteinander umgehen, entwickelt hier ihren ganz eigenen Charme.

Mit dem Abdriften in religiöse Gefilde übernimmt sich der Film jedoch. Hier merkt man leider deutlich, dass für eine solch pfiffige Grundidee das Korsett einer Hollywood-Komödie zu eng geschnürt ist.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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