Examensausstellung: Absolventen und Meisterschüler in der documenta-Halle

Bereit für die weite Welt

Reden ist Silber: 21 Frauen-Münder hat Mehtap Baydu in der documenta-Halle arrangiert. Fotos: Koch

Kassel. Rundgang und Examensausstellung seien wie McDonald’s und McCafé, sagt Harm-Heye Kaninski, einer der Organisatoren von „Examen 2010“ in der documenta-Halle in Kassel: zwei eigenständige Veranstaltungen, die sich unterstützen.

Seien beim Rundgang eher Arbeitsprozesse zu begutachten, präsentieren sich mit den 37 Absolventen und Meisterschülern der Kunsthochschule Kassel bis zum Wochenende alle, die „bald ausgewildert werden“, wie Kaninski sagt. Sie zeigten Arbeiten, mit denen sie sich „in der großen weiten Welt“, auf dem freien Markt, behaupten müssen. Und er ergänzt selbstbewusst: „Die Examensausstellung wird immer professioneller.“

Zwei türkische Künstler, Özlem Günyol und Mustafa Kunt, halfen, die Abschlussarbeiten in der riesigen Halle so zu verteilen, dass alle Positionen angemessen zur Geltung kommen, dass die Vielfalt der Ausbildungsgänge deutlich wird: mit knalligen Skulpturen (Angela Ender, Freie Kunst), mit Miriam Austs in Zimmerpflanzen arrangiertem Sitzmöbel (Produktdesign) oder mit den eindrucksvollen Fotografien, die Jan Köhler von Dauercamper-Behausungen gemacht hat. Roman Terpitz (Grafik-Design) hat Schrifttypen entworfen, die das Thema in die Gestaltung der Buchstaben selbst einfließen lassen. So taucht etwa auf einem Plakat zur Leichtathletik-WM in Berlin die blaue Laufbahn des Olympiastadions im Schriftbild auf.

Zeitgenössische Kunst zeichne sich dadurch aus, dass sie zunächst gerade nicht als Kunst zu erkennen sei, sagt Kaninski. Die Faszination beruht oft auf dem, was auf den ersten Blick unsichtbar ist, auf Bezügen zur Kunstgeschichte, anderen Kulturen oder auf den Geschichten hinter den Werken. Die Wahrnehmung ändert sich in verschiedenen Kontexten.

Carola Keitel etwa verfremdet Alltagsobjekte, zum Beispiel „Kathedralenglas“ genannte industrielle Massenware oder farbige Stoffe, die auf einmal an rosettenförmige Kirchenfenster erinnern. Tao Xian hat chinesische Schriftzeichen, die seiner Motivation als Schüler dienen sollten, als Skulpturen gebaut. Mehtap Baydu hat von 21 Frauen, von der Putzfrau bis zur Professorin, einen Gipsabdruck des Mundes in Bronze gegossen und vergoldet. Titel der Arbeit: „Reden ist Silber“ - ein solches Sprichwort existiert in vielen Kulturen.

Lilian von Philippovich bekam über Anzeigen - auch in dieser Zeitung - 55 Knopfsammlungen, wie ihre Oma eine besaß. Sie hat 44 Kilogramm Knöpfe zu einem Teppich ausgebreitet, etwa 40 000 Stück. Sie stammen von einer Kriegsgeneration, sagt die Künstlerin, aus einer Zeit, als ausrangierte Kleidung weggeworfen, die Knöpfe aber gerettet wurden, weil sie noch als wertvoll empfunden wurden.

Service: Kunst und Wissenschaft

„Examen 2010“ in der documenta-Halle, bis Samstag, 17. Juli, täglich 14-20 Uhr, Sa ab 11 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Infos: www.examen10.de

Vortragsabend zum Verhältnis von Wissenschaft und Kunst mit Ursula Panhans-Bühler, Michael Dellwing, Frauke Mutschall, Ernst-D. Lantermann und Wolfgang Nellen am 14.7. ab 18 Uhr.

Öffentliche Führungen: 15. und 16. Juli, 15.30 Uhr.

„2. Pecha Kucha Nacht“ (Stimmengewirr, Geplauder), Alumni-Projekt der Klasse Ott und Stein (Visuelle Kommunikation) am 16.7., 19.30 Uhr.

Finissage-Party: 17.7., 22 Uhr.

Von Mark-Christian von Busse

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