Neu im Kino: Gerard Depardieu brilliert in „Mammuth“

Ein Berg von Mann

Heißt wie das Motorrad: Gerard Depardieu als Mammuth. Foto:  x-Verleih/ nh

Dieser Mann, so sagt man oft, ist nicht nur ein Schauspieler, sondern eine wahre Naturgewalt. Gerard Depardieu strahlte schon immer eine Körperlichkeit aus, die keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Figuren aufkommen ließ. Auch in „Mammuth“ von Benoit Delépine und Gustave de Kervern hat man das Gefühl, dass Depardieu sein ganzes Leben auf diese Rolle gewartet hat, und auch hier spielt er wieder mit vollem Körpereinsatz. Und was für ein Körper. Diesen massigen Leib, den andere nur noch keuchend durch die Gegend schleppen könnten, versteht Depardieu voller Würde zu tragen.

In „Mammuth“ spielt er einen Schlachter, der in den Ruhestand versetzt wird und zum Abschied ein 2000-Teile-Puzzle geschenkt bekommt. Aber zu Hause herumsitzen – das ist nichts für einen Kerl wie Mammuth, der nach seinem gleichnamigen Motorrad benannt wird. Das Alltägliche liegt ihm nicht. Wenn er mit dem Einkaufswagen zwischen parkenden Autos hindurch zwängt, sind gleich zwei Kotflügel im Eimer. Als er das Schloss im Bad repariert, schließt er sich versehentlich ein und muss bis zum Abend auf die Rückkehr seiner Frau (Yolande Moreau) warten. Die sagt ihm, dass es so nicht weiter geht, und die Rentenkasse fordert Gehaltsbescheinigungen früherer Arbeitgeber ein. Und so schwingt sich Mammuth auf sein altes Motorrad und klappert Friedhöfe, Bars, Jahrmärkte und Lagerhallen ab, wo er sich früher verdingt hat. Und schon glaubt man sich in einer sentimentalen Reise in die Vergangenheit.

Aber Delépine und de Kervern verlassen schon bald die nostalgische Route des Roadmovies. Vom früheren Arbeitsleben ist ohnehin nichts mehr übrig, und so strandet Mammuth bei der Verwandtschaft, die er über dreißig Jahre nicht mehr gesehen hat. Der Cousin, mit dem er seine masturbationsreiche Jugend verbracht hat, der Bruder, der mit einem Topmodel durchgebrannt ist, und dessen Tochter, eine Künstlerin, die ihre verstörenden Skulpturen im Garten ausstellt und den Onkel das Kiffen und Nichtstun lehrt. Und irgendwie landet Mammuth dann doch bei sich selbst, findet die Ruhe, die er für sein zukünftiges Leben braucht und fährt mit einem Mofa zurück zu seiner Frau.

„Mammuth“ ist ein Film, der sich treiben lässt. Hier geht es nicht um aufwendige Plotkonstruktionen und Veränderungen, in die der Protagonist hineingetrieben wird. Seinen Charme entwickelt der Film durch seinen sperrigen Helden und die Zärtlichkeit, mit der dieser Berg von einem Mann betrachtet wird. Depardieu ist so gut, wie lange nicht mehr. Schon nach wenigen Filmminuten hat er ein Bild von den Härten des gelebten Lebens seiner Figur entworfen - und hat bis dahin noch kein Wort gesagt.

Genre:

Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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